Bolivien: Hinunter in die Yungas

Um uns nichts als Nebel. Der „Cumbre“, die Passhöhe auf 4.650 Meter, die man nach 30 Kilometern von La Paz kommend erreicht, soll angeblich einen tollen Blick auf die umliegenden Andengipfel bieten. Doch an diesem Morgen liegt die Sicht bei 10 Metern. Wir fahren weiter, hinab in Richtung der Yungas, dem Übergang zwischen dem 3.000 bis 4.000 Meter hohem Altiplano und der bolivianischen Regenwaldregion. Nach wenigen Kilometern geht rechts die weltweit bekannte Todesstraße „Carretera de la muerte“ nach Coroico ab. Touristen stürzen sie auf Fahrrädern hinab, es soll eines der letzten 10 Abenteuer unserer Tage sein.

Wir fahren über die vor einigen Jahren neu gebaute Autobahn hinab ins Tal. Ab 2.500 Metern Höhe lösen erste Bergwälder die karge Gesteinslandschaft weiter oben ab. Es wird grüner und wärmer, die Sonne kommt zaghaft hervor. Zitrusbäume links und rechts des Weges, Kaffeplantagen. Auf einem vorgestreckten Hügel ragt schließlich das historische Städtchen Coroico weit ins Tal hinein. Wir haben 3.000 Höhenmeter überwunden, sind aus der Kargheit von La Paz in die mit den Händen zu greifende Fruchtbarkeit der Yungas vorgedrungen. Die hier produzierten Agrargüter versorgen die hoch oben gelegene Region um La Paz mit ihren fast 2 Millionen Menschen.

Die Yungas sind streng genommen zwei lang gestreckte Täler, die in Nord- und Südyungas unterteilt sind. Sie reichen bis auf 500 Höhenmetern hinab, wo sie den Übergang zum bolivianischen Regenwald bilden. Bekannt sind die Yungas aufgrund der hier angepflanzten Cocapflanzen, die für den Verzehr und zum Teemachen bestens geeignet sind. Mild schmecken sie, im Gegensatz zu der in den tiefer gelegenen Regenwäldern angepflanzten Coca, die bitter schmeckt. Vor allem zur Produktion von Kokain werde diese benutzt, erzählen die Menschen hier in den Yungas.

Wer vom Altiplano mit seiner hauptsächlich aus Aymaras und Quechuas gebildeten Bevölkerung kommt, sieht sich in den Yungas plötzlich ganz anders aussehenden Menschen gegenüber. So leben hier die Nachfahren von aus den Minen geflüchteter afrikanischer Sklaven, die sich in den Wäldern der Yungas vor den Spaniern versteckten und im Laufe der Zeit die Aymarasprache annahmen. Aber auch Tieflandindios aus der tiefer gelegenen Regenwaldregion haben hier gesiedelt. Auf einem großflächigen Parkplatz einer Straßenbaufirma treffen wir auf das Lager des Protestmarsches gegen den Bau der Interoceanica-Straße im Nationalpark TIPNIS. Bereits 1990 waren die dortigen Indios nach La Paz marschiert, um die Region für sich einzufordern. Damals war ihr Marsch erfolgreich gewesen. Nun marschieren sie wieder, diesmal gegen eine Straße, die den Park in der Mitte durchschneiden würde und, nach Meinung der Indios, dem illegalen Cocaanbau und der Abholzung in diesem letzten unberührten Naturparadies Boliviens Tür und Tor öffnen würde.

Seit fast zwei Monaten sind die gut 2.000 Indios bereits unterwegs. Nun campieren sie hier am Beginn des steilen Aufstiegs zum „Cumbre“. Noch mindestens vier Tagesmärsche liegen vor ihnen, wobei eisige Kälte und Regen sie beim Aufstieg erwartet. Doch sie sind entschlossen, nach La Paz zu marschieren. Sie wollen für die Erhaltung ihres Parks kämpfen, für ihr Recht, selber über die Zukunft ihrer Erde entscheiden zu dürfen. Ob sie wissen, was sie dort oben erwartet, fragen wir uns, ob sie sich der Strapazen des Aufstiegs bewusst sind? 3.000 Höhenmeter auf 60 Kilometern. Wir schaffen diese Strecke mit unserem Allrad-Jeep in weniger als zwei Stunden. Hoch auf dem „Cumbre“ lichtet sich plötzlich der scheinbar ewige Nebel und gibt uns für wenige Minuten einen traumhaften Blick frei. Danach bricht der Nebel wieder über uns herein. Die letzten Kilometer hinab nach La Paz sind von schlicht gebauten Häusern gesäumt, es sind die Ausläufer des Stadtteils Villa Fatima.

Hier leben viele aus den Yungas stammende Menschen. Aufgrund der über den „Cumbre“ einfallender Winde und Nebelwände ist es hier kälter als in anderen Stadtteilen von La Paz. Ob die aus den Yungas eingewanderten Menschen wohl hier wohnen, weil es näher an ihrer Heimat liegt? In Villa Fatima steht der Cocamarkt, in dem die aus den Yungas ankommenden Blätter auf ganz La Paz verteilt werden. Wir wärmen uns ebenfalls mit einem Cocatee, der uns hilft, unsere vor Sauerstoffmangel pfeifenden Lungen zu besänftigen. Am nächsten Mittwoch sollen die Protestler aus dem TIPNIS-Park hier ankommen. Wir sind gespannt, ob sie ihr Ziel erreichen werden, genau wie einst vor über 20 Jahren.

Thomas Milz