„Ich habe eine zweite Heimat gefunden“

Nach einem Jahr Freiwilligendienst in dem vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützten Gemeinschaftszentrum in Paraguay ist das Land für Lisa Berndorfer zu einer zweiten Heimat geworden. Bald geht es zurück nach Deutschland – vorher wollte sie aber noch einen Herzenswunsch in die Tat umsetzen.
Zwei Frauen stehen vor einem Fluss

Lisa Berndorfer hat die Menschen in Paraguay in ihr Herz geschlossen. Foto: privat

„Alles ist relativ“ – Das sagte schon Albert Einstein und auch hier in Paraguay darf ich das an vielen Punkten erleben. Bei meiner Ankunft vor nun schon über elf Monaten hatte ich nicht nur jede Menge Kleidung, Gastgeschenke und Erinnerungsstücke im Gepäck, sondern auch eine „Brille“ aus Wertvorstellungen, Tugenden und Ansichten. Schnell durfte ich lernen, dass sich kulturelle Unterschiede nicht nur auf eine andere Kleidung oder Musik beschränken. Meine „Brille“, mit der ich in Deutschland immer scharf sehen konnte, half mir in vielen Situationen in Paraguay gar nicht mehr. Jetzt, da ich fast ein Jahr lang in eine etwas andere Welt eintauchen durfte, lernte ich zu verstehen, dass Systeme an anderen Orten der Welt anders funktionieren und trotzdem sinnvoll sein können.

Eindrucksvoll

Kinder und Erzieherinnen streichen Tische an

Alle packen mit an, damit der Rückzugsort der Kinder gemütlich und schön wird.

Ein sehr einschneidendes Erlebnis war der Besuch verschiedener Familien in der „Chacarita“, dem Armenviertel, in dem ich arbeite. Jeden Tag kommen viele Kinder aus dem Viertel zu uns ins Projekt, das „Centro Comunitario“, wo wir sie betreuen, sie verpflegen und mit ihnen spielen. Ihren Hintergrund zu sehen und zu verstehen, war mir persönlich sehr wichtig, weshalb ich meine Kolleginnen bei einem ihrer Hausbesuche begleiten durfte. Wie eine andere Welt fernab des weniger als einem Kilometer entfernten Zentrums Asuncións scheint es zu sein. Teilweise sehr prägend, teilweise auch sehr schön waren meine Eindrücke. Hier und da erschien mir das Leben dort sogar ein bisschen wie auf einem Zeltlager mit den Pfadfindern! Auch wenn es mir in diesem Moment nicht so vorkam, ist es dort generell jedoch sehr gefährlich und der Alltag von Gewalt geprägt. Für mich erklärte das, wieso viele der Kinder in unserem Programm nicht unbedingt die „pflegeleichtesten“ sind.

Kinder bemalen eine Wand

Die Kinder verschönern mit Freude ihren Raum.

Mein gewonnenes Verständnis machte es mir auch zur Herzensangelegenheit, eine lang gehegte Idee in die Tat umzusetzen: Ich wollte in einem Gemeinschaftsprojekt den Raum umgestalten, in dem wir Tag für Tag viel Zeit verbringen. Also hieß es ran an die Pinsel und los! Während die Kinder den Tischen und Stühlen einen neuen Anstrich geben durften, tauchten meine Kolleginnen und ich den Saal in ein freundliches Gelb und malten eine Landschaft an die Wand. Auch die Kleinen durften sich an dem Wandbild verewigen und verzierten es mit ihren Handabdrücken. Auch wenn ich anfangs etwas Bedenken hatte, machten alle motiviert mit und ich erhielt viel Unterstützung. Mir macht die Arbeit viel Spaß und es freut mich zu sehen, wie die Kinder hier einen Ort der Geborgenheit finden.

Unvergesslich

Eine bemalte Wand mit Bäumen, Häusern und Meer.

Bunt und fröhlich – so möchte Lisa ihren Freiwilligendienst in Erinnerung behalten.

Für mich persönlich war dieses Projekt auch ein kleiner Abschied, da es für mich bald heißt, Paraguay zumindest vorerst wieder zu verlassen. Schon jetzt weiß ich, dass ich sehr viele Dinge vermissen werde – seien es die leckeren Empanadas, das bunte Leben in Asunción oder schlichtweg die Tatsache, dass es niemanden interessiert, ob man bei rot oder grün über die Ampel geht.
So genieße ich meine letzte Zeit in dem Land, in dem ich (obwohl ich in Deutschland wohl eher als braunhaarig bezeichnet werde) Blondine bin und durch die Währung des Guaraní mit dem Umrechnungsfaktor 1:6000 das Leben als Millionärin genieße. Es ist eben nicht immer alles eindeutig.
Ich weiß, dass ich hier eine unvergessliche Zeit verbringe und in Paraguay eine zweite Heimat gefunden habe. Auch wenn viele dieses Land auf der Karte erst einmal suchen müssen, schloss ich das nach Außen hin unscheinbar wirkende, doch im Inneren ganz und gar einzigartige Paraguay mit seinen einmalig freundlichen Paraguayern in mein Herz.


Lisa mit zwei Kindern im ArmLisa Berndorfer verbringt als Freiwillige
von Adveniat und der DPSG ein spannendes Jahr in Paraguay.
Dort arbeitet sie in der Sozialpastoral der Erzdiözese Asunción.
Im Oktober 2016 hat sie schon einmal über ihre Einsatz gebloggt: Die vielen Gesichter Asuncìons

 

 

Das Projekt

Die Erzdiözese Asunción arbeitet zusammen mit den ärmsten Bevölkerungsgruppen in den Bereichen medizinische Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung, Wohnbau und Kleinkredite. Darüber hinaus gibt es auf nationaler Ebene ein groß angelegtes Aufforstungs- und Umweltschutzprogramm („A todo pulmón“– Aus voller Lunge). Die oder der Freiwillige soll in einem der Projekte mitwirken und tatkräftig unterstützen.

Ein Jahr freiwillig weg

Gemeinsam mit der DPSG (Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg) bietet Adveniat im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes „weltwärts“ neun Einsatzstellen an. Adveniat bietet sechs Stellen in Bolivien, Paraguay und Ecuador an. Drei weitere Stellen in Südafrika werden über die DPSG vermittelt. Hier gibt’s die Infos: Freiwilligendienst – Ein Jahr freiwillig weg nach Lateinamerika oder Südafrika?

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