El Salvador: „Ich habe keine Freunde“

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Mit einem lauten „Klack“ schnellen die Verriegelungsknöpfe der Autotüren nach unten. Unsere erste Fahrt durch die Innenstadt San Salvadors beginnt. Auf dem Pickup auf der Nebenspur sitzen Soldaten mit verspiegelter Sonnenbrille, kugelsicherer Weste und Maschinengewehr. Mit versteinerter Miene blicken sie in unser Auto. Vor Supermärkten, Autowerkstätten und Krankenhäusern stehen private Sicherheitskräfte mit Schrotflinten und Patronengürteln – und mit der Hand am Abzug.

Was aussieht wie ein Ausnahmezustand, ist in der Hauptstadt eines der gefährlichsten Länder Alltag. Es scheint fast so, als würde jeder Zweite mit Waffen und in Uniform patrouillieren. Doch das kriegsähnliche Waffenaufgebot ist nur der verzweifelte Versuch, ein Gefühl von Sicherheit vorzutäuschen. Jeder weiß: Auch doppelt so viele Waffen würden nicht helfen. Nicht gegen die Angst. Nicht gegen die Gewalt, die aus Armut und Perspektivlosigkeit entsteht.

Immer wieder hören wir von Jugendlichen, dass sie nur ungern aus ihren winzigen dunklen Hütten herauskommen. Nur wenn es unbedingt nötig ist, trauen sie sich auf die Straße. Und auch das nur, solange es hell ist. Und obwohl in den Häuschen die Luft zum Atmen kaum reicht.

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Kein Platz, die Jugend zu leben

Estefany wohnt mit ihrer Familie in solch einer Hütte aus Wellblech und alten Plastikplanen, die Wind und Regen zerrissen haben. Durch eine hölzerne Stalltür klettern wir ein paar schräge Stufen hinauf und werden von der Dunkelheit verschluckt. Der Raum windet sich höhlenartig an den schrägen Blechwänden entlang dem Hang entgegen. Vom Lehmboden steigt ein modriger Geruch auf. In Erdlöchern lagert Müll in Plastiktüten, der niemals den Weg nach draußen gefunden hat. Es gibt keinen Strom und auch kein fließendes Wasser. Eine Ordnung ist in dem Wust von Tüten und Planen nur schwer erkennbar.

Estefany wohnt dort mit ihrer Tante, ihren zwei kleinen Geschwistern und den Großeltern. Ihr Vater ist weg, die Mutter tot und die älteren Brüder sind verschwunden. Über unseren Besuch freut sich die Familie. Sie geben uns, was sie können: Ein Lächeln, das von Herzen kommt und all ihre Sitzmöglichkeiten.

Wo sie denn Zeit mit ihren Freunden verbringt, fragen wir die 16-jährige Estefany. „Ich habe keine Freunde“, antwortet sie darauf. – Und uns wird klar: Wenn es keinen sicheren Raum gibt, um sich mit Freunden zu treffen. Wenn es vor der Haustür zu gefährlich und das eigene Heim gerade groß genug ist, der Familie ein Dach zu bieten, dann gibt es auch keinen Platz, seine Jugend zu leben.

 

Text: Mareille Landau, Fotos: Achim Pohl