Impressionen aus der Dominikanischen Republik

Brief vom 29. Dezember 2010

Die Ankunft ist 1,5 h später als geplant. Dazu ist von ca. 100 Personen das Gepäck von Paris nicht mitgeflogen. Probleme in Paris. Ni modo. Bienvenidos a la República Dominicana. Nur 4 Angestellte von Air France versuchen, dem Ansturm der Gepäcklosen Herr zu werden. Mit viel Geduld bin ich schließlich 4h nach der geplanten Ankunft aus dem Flughafen draußen – und werde zum Glück noch von P. Marcelo und Esperanza erwartete. Wie zu erwarten gabs draußen keine Information darüber, warum ich so spät kam. So konnten die beiden nur das tun, was in der Karibik sehr nützlich ist: warten und sich in Geduld üben.

Wie gewünscht darf ich die ersten 3 Tage meiner Reise bei einer typischen Familie mitleben, um den dominikanischen Alltag hautnah kennen zu lernen: Es ist die Familie Rodríguez, eine Großfamilie, die in 3-5 Häusern eng auf eng und im ständigen Kontakt miteinander lebt. Heute, am 3. Tag meines Besuches, weiß ich noch nicht genau, wer zu wem gehört und wer mit wem wie verwandt ist. Die Familie ist eine Durchschnittsfamilie in verschiedener Hinsicht:

* Die Art zu wohnen ist typisch für eine städtische Unterschichtfamilie – in 3 kleinen Räumen leben in einem gemauerten Häuschen 3-5 Menschen; auf der integrierten Veranda sind die in der Karibik obligatorischen Schaukelstühle; das Nachbarhaus befindet sich in einem halben Meter Abstand; die Außenmauern sind in lebendigen, karibischen Farben gestrichen.

Das Haus der Großeltern, um das sich die Häuschen der Kinder gruppieren, ist im alten, „viktorianischen”  Stil konstruiert: ein einstöckiger, luftiger Holzbau mit 3 großen Räumen, der erdbebentauglich gebaut ist und oft Jahrzehnte überdauernd. Es strahlt heute noch die Herzlichkeit und Lebendigkeit seiner inzwischen verstorbenen Bewohner aus. Und dient es als Treffpunkt für die ganze Großfamilie, die heute Nacht das alte Jahr verabschiedet. Dieser alte Häuserbaustil ist sehr angenehm im meist sehr schwül-heißen Klima. Für die Wirbelstürme, die in letzten Jahren immer häufiger werden, sind eher die modernen Betonbauten geeignet, die wiederum im Sommer einem Backofen gleichen.

* Auch die Familienzusammenstellung der Rodríguez ist typisch für die Dominikanische Republik: Die 8 Kinder der verstorbenen Großeltern haben geschätzte 20 Kinder, wobei der jüngste Onkel wenig älter ist als die älteste Enkelin. Die meisten der Erwachsenen sind verheiratet, andere sind geschieden oder waren nicht verheiratet und ziehen ihre Kinder ohne den Vater auf. Das ist typisch für die Insel, auf der viele Männer auch mehrere Beziehungen gleichzeitig neben ihrer standesamtlich registrierten Familie unterhalten – meist ohne sich finanziell um den Unterhalt der daraus entstehenden Kinder zu kümmern.

* Das Aussehen der Familie Rodríguez ist ein weiterer repräsentativer Faktor der InselbewohnerInnen: Sie spiegeln als Großfamilie fast alle Farbschattierungen, die das Braun hergibt. Wobei sich in ihren Gesichtszügen meist eher die Herkunft der afrikanischen Vorfahren zeigt und eher selten die der spanisch-mestizischen Verwandten. Damit spiegelt sich in ihren Gesichtern die dramatische Geschichte der Insel Hispaniola: Nach der Ankunft der Spanier wurde diesen sehr bald klar, dass die indigene Bevölkerung der Insel den mörderischen Arbeitsbedingungen der Sklavenherren physisch nicht gewachsen sind und die Sklaven aus Afrika eine längere Lebensdauer haben. Arbeit, Waffen und europäische Krankheiten löschten binnen weniger Jahrzehnte die Taíno-Indígenas aus, während afrikanische SklavInnen zu Tausenden auf die Insel geschifft wurden (in der Mitte des 16. Jahrhunderts lebten rund 450.000 Schwarze und nur 30.000 Weiße auf der Insel). Vergewaltigungen und vielleicht die eine oder andere sehr seltene Liebesbeziehung führten dazu, dass das dominikanische Volk heute die ganze Bandbreite der Schönheit von MulatInnen präsentiert.

* In einer weiteren Dimension ist die Familie Rodríguez eine typische Familie: sie nehmen mich in einer Herzlichkeit und Offenheit auf, die dem Ruf der InselbewohnerInnen entspricht und es mir leicht macht, mich in die Familie zu integrieren. „Aquí tienes tu casa. Soy tu madre.” („Hier ist dein Daheim. Ich bin deine Mutter.”) drückt verbal das aus, was ich auch zu spüren bekomme: Ich bin herzlich aufgenommen und darf mich hier wohl fühlen!

So ist es dann am vierten Tag meiner Reise gar nicht leicht, die Familie zu verlassen und den dichten Alltag einer Dienstreise zu beginnen.

Magdalena Holztrattner