Haiti: Eine Reise in den Süden

Eine Reise in den Süden, so drückt es Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck erstaunt aus, sei eine „Reise wie durch ein kleines Paradies“. Ja, Haiti ist schön, wunderschön. Der Weg führt durch Felder mit Bananenstauden, Zuckerrohr und Maniok, zwischen Reisfeldern hindurch, auf denen Brahman-Rinder stehen, Reiher warten an den Seen und Lagunen auf Beute. Die Sonne strahlt über einem blauen Meer, das auf menschenleere Strände brandet.

Und doch sieht man entlang der Straße von der Hauptstadt all das Elend, das die triste Realität des Karibikstaates ausmacht: Ärmlich gekleidete Menschen, eingestürzte Häuser überall, armselige Marktstände, wenn es denn überhaupt Stände gibt: Oft sitzen Frauen mit ein paar Mangos einfach am Straßenrand und warten darauf, dass irgendwer anhält und ihnen ein paar von den Früchten abkauft, die es derzeit in Fülle gibt: Es ist Erntezeit für Mangos.

Gruppenbild mit Bischöfen: Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck und Bischof Langlois Chibly, Vorsitzender der Haitianischen Bischofskonferenz, in der Gemeinde Vernet im Bistum Les Cayes

Hier, irgendwo zwischen Port-au-Prince und Les Cayes, war das Epizentrum des Erdbebens im Januar 2010, und man kann die Folgen immer noch überdeutlich sehen. Überall werden Schuttberge weggeräumt, wird gebaut, werden Straßen und Leitungen renoviert. Ja, es ist viel passiert in Haiti, vor allem in den vergangenen sechs Monaten. Und dennoch gibt es immer wieder die tristen Ansammlungen grauer Zelte, in denen die Opfer der Tragödie immer noch leben. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es in diesen Zelten sein mag, wenn ein Regenguss vom Himmel fällt, wie wir ihn gestern Abend erlebt hatten und dachten, die Welt ginge unter oder würde zumindest mit dem immensen Wassermassen irgendwo hingespült.

Ja, noch immer leider Haiti unter den Folgend des Erdbebens, und ja, die Aufbauarbeiten gingen leider nur zögerlich voran, sagt Bischof Chibly, seit kurzem Vorsitzender der Haitianischen Bischofskonferenz und Bischof der jungen Diözese von Les Cayes im Süden des Landes. Mit ihm fahren wir in einige Gemeinden, die mal mehr, mal weniger vom Beben betroffen waren. Adveniat hatte hier bereits vor dem Beben kräftig beim Aufbau einer kirchlichen Infrastruktur geholfen, beim Bau von Kirchen und Kapellen, bei Kursen für Katecheten und Gemeindeleiter. Jetzt fragen sich die Menschen, ob diese Hilfe gestoppt sei. „Man muss Prioritäten setzen“, versucht Bischof Chibly zu erklären. Höchste Priorität habe derzeit der Wiederaufbau zerstörter Kirchen, des Priesterseminars in der Hauptstadt, eingestürzter Pfarrhäuser und Ordenskonvente. Da müssen andere Projekte zurückstehen. Mehr als zwei Jahre nach der Katastrophe fällt dies den Gemeinden nicht leicht. Sie hatten Flüchtlinge aufgenommen, versorgt, hatten geholfen, das nationale Unglück zu verarbeiten und zu bewältigen. Jetzt möge doch wieder der Alltag einkehren. Doch so weit ist es noch nicht.

Gespräche über die Priorisierung der Hilfe für Haiti: Adveniat-Geschäftsführer Bernd Klaschka im Gespräch mit dem Vorsitzenden der Haitianischen Bischofskonferenz, Bischof Langlois Chibly, und Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck

Das sehen auch Adveniat-Bischof Overbeck und Geschäftsführer Bernd Klaschka so. Gemeinsam mit den Bischöfen Haitis will man eine Prioritätenliste verabschieden, eingebunden in den Kontext internationaler Hilfe. Heute findet dazu in Port-au-Prince eine weitere Sitzung statt. Hilfe zu geben, kann ermüdend sein, doch ist es besser, alle in die Entscheidungen einzubinden und gemeinsam zu Lösungen zu kommen, als etwas zu schnell und vielleicht sogar allein zu entscheiden – mit der Folge, dass diese Entscheidung hinterher nicht angenommen wird.

Als auf dem Rückweg von Les Cayes der Regen wieder einmal vom Himmel fällt, muss ich wieder an die Menschen denken, die in den Zeltcamps hausen. Ja, es ist wichtig und richtig, Prioritäten zu setzen. Zum Wohle derjenigen, denen es am schlechtesten geht.