In Kolumbien – von Fußballern und Vertriebenen

Bogotá gibt sich weltläufig. Schließlich findet in Kolumbien im Sommer die U-20-Fußballeltmeisterschaft statt, und (ähnlich wie in Deutschland in Vorbereitung auf die Frauen-Fußball-WM) überall gibt es Trikots und Fanartikel zu kaufen. Die U-20-WM findet zeitgleich zur Frauen-WM statt. Und obwohl sich Kolumbiens Frauenteam für das Turnier in Deutschland qualifizierte, gibt es nur Wenige, die darüber sprechen. Ebenso wenig ist die U-20-WM Thema, obwohl Hunderttausende Tickets verkauft wurden, und obwohl man drüber diskutiert, ob nicht die Absperrungen zwischen Fans und Spielfeld gelockert werden sollen, so dass die Zuschauer nahezu am Spielfeldrand stehen könnten.

Nein, Thema ist die „Copa America“, die Endrunde des Turniers der lateinamerikanischen Fußballmannschaften in Argentinien. Auch die Copa America startet Ende Juni. Kolumbien rechnet sich Chancen aus, zumindest ins Viertelfinale zu gelangen. Doch dort warten die starken Teams von Brasilien und Argentinien, die Mannschaften von Peru und Chile. Mit Soto (Mainz 05) und Adrian Ramos (Hertha BSC Berlin) sind zwei Bundesligaspieler im kolumbianischen Aufgebot, und die Sperrung der Flüge nach Argentinien wegen der Asche des chilenischen Vulkans soll heute aufgehoben werden.

Kolumbien wirbt mit dem günstigen Tauschkurs des Dollars für Einkäufe. Die Wirtschaft wächst, und das sieht man der Hauptstadt Bogtá an. Ein Autoladen reiht sich an den nächsten, und die Werbung für die neuesten Fernseher, Computer oder Smartphones sind riesig groß. Dennoch: Vor meiner Unterkunft patrouillieren Soldaten, Polizei prägt das Straßenbild, und in den Morgennachrichten sind die jüngsten Angriffe der FARC wie auch der Paras auf Militäreinheiten zu sehen. Das Land ist groß, und außerhalb der Hauptstadt herrscht vielerorts die Gewalt. Es geht um Geld, Drogen, und vielleicht auch um die politische Macht.

Die Verlierer sind die „Desplacados“, die Vertrieben innerhalb Kolumbiens. 5,2 Millionen Menschen haben in den letzten 25 Jahren aus Angst vor der Gewalt oder auch unter realem Druck ihre Heimat verlassen (müssen). Das sind 11,4 Prozent der Bevölkerung. Dazu kommen in diesem Jahr die Opfer einer fast nicht wahrgenommenen Katastrophe: Weite Teile Kolumbiens standen nach wochenlangen Regenfällen tief unter Wasser, Tausende Häuser wurden zerstört, Hunderttausende Menschen wurden obdachlos.

Die Kirche (mit Hilfe der Caritas) ist bei den Menschen, ebenso wie sie in den Lagern der Desplacados hilft. Kolumbiens Bischöfe haben auf ihrer letzten Vollversammlung einmal mehr zu Frieden und Aussöhnung im Land aufgerufen, sie mahnten eine konsequentere Verfolgung der Verbrechen an, denn ein Großteil der Straftaten bleibt ungesühnt, weil keine Verfahren eröffnet werden.

Christian Frevel
Bereichsleiter für Öffentlichkeitsarbeit und Bildung bei Adveniat