In Lima

Der Zeitunterschied zwischen São Paulo und Peru beträgt derzeit drei Stunden, so dass wir bereits vor elf Uhr morgens in Lima landen. Erzbischof Zollitsch und seine Delegation, unter ihnen Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka, wird heute Nachmittag weiterreisen nach Trujillo: Dort findet der erste Teil der Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft der Erzdiözese Freiburg mit Peru statt. Ich bleibe mit Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck in Lima. Der Essener Bischof möchte Pfarrer Norbert Nikolai besuchen. Er leistet als „Fidei-Donum-Priester“ des Bistums Essen einen pastoralen Dienst in der peruanischen Hauptstadt. Vier „Fidei-Donum-Priester“ hat die Diözese Essen in Lateinamerika – sei werden wir in den nächsten Tagen besuchen und ihre Arbeit kennen lernen. „Fidei Donum“ bedeutet, dass der Bischof der Heimatdiözese einen Priester für einen befristeten Dienst im Ausland frei stellt.

Norbert Nikolai, der zeitweise in Lateinamerika studiert hatte, ist vom aus Deutschland stammenden Bischof Norbert Strothmann in das Bistum Chosica aufgenommen worden und wirkt als Gefängnisseelsorger im größten Knast Perus in Lurigancho. Pfarrer Nikolai holt Bischof Overbeck und mich am Flughafen ab, und gemeinsam fahren wir, der Pazifikküste entlang, in den Süden der Stadt. Es regnet so gut wie nie in Lima, und die Stadt hatte bereits von oben ein wüstenähnliches Bild gegeben: Etliche Hügel, an deren Hängen im tristen grau-braun des staubigen Bodens ärmliche Häuschen zu kleben scheinen. Wasser sei das größte Problem der Stadt, erklärt Pfarrer Nikolai auf dem Weg in die Pfarrei eines befreundeten Priesters im Stadtteil Compay. Wer nicht im Zentrum oder entlang der großen Straßen wohne, habe oft keinen Wasseranschluss, sondern müsse das kostbare Nass von den Tankwagen erstehen. Diese füllen Wasser in große Tonnen, die vor den Häusern stehen. Manche Hütten sie so weit oben an den Hängen, dass dort kein Lastwagen mehr hinkommt: Die Menschen müssen ihr Wasser dann an tiefer gelegenen Verkaufsstellen holen und nach oben schleppen. Das Wasser der Tankwagen sei deutlich teurer als das Wasser aus der Leitung berichtet Norbert Nikolai: So würden die Armen für ihre Armut bestraft.

Lima wächst jedoch immer weiter – und gerät so an den Rand der Möglichkeiten der Wasserversorgung. Denn das Wasser muss aus dem Landesinneren herangepumpt werden, der Fluss, an dem die Stadt liegt, endet trocken in Lima: Sein Wasser wird bereits zu fast 100 Prozent als Trinkwasser genutzt. Es gibt Forscher die behaupten, Lima werde die erste Stadt sein, in der es nicht mehr genügend Wasser für alle Einwohner geben werde, da durch das klimabedingte Abschmelzen der Gletscher in den Anden die Flüsse im Landesinneren künftig nicht mehr ganzjährig Wasser führen würden.

Bischof Franz-Josef Overbeck, Padre Humberto Boulangé und Pfarrer Norbert Nikolai in Campoy, einem Stadtteil der peruanischen Haupstadt Lima.

Bischof Franz-Josef Overbeck, Padre Humberto Boulangé und Pfarrer Norbert Nikolai in Campoy, einem Stadtteil der peruanischen Haupstadt Lima.

In der Pfarrei „Virge de la Evangelización“ im Stadtteil Campoy treffen wir Pfarrer Humberto Boulangé Allegre. Er ist Franzose und seit mehr als 20 Jahren in Peru.

Pfarrer Humberto berichtet über die immer stärker werdenden Sekten – in Campoy ist er sich nicht mehr sicher, ob die Katholiken mehr als 50 Prozent der Bevölkerung stellen. Er ist zuständig für mehr als 30.000 Katholiken. Die Pastoral gelingt nur, weil in mehr als 120 kleinen Gruppen und Gemeinschaften der Glaube gefeiert wird. Laien sind hier die Motoren der Pfarrei.

Bischof Overbeck mit Pfarrer Norbert Nikolai auf dem "Cerro San Cristobal" oberhalb von Lima

Bischof Overbeck mit Pfarrer Norbert Nikolai auf dem "Cerro San Cristobal" oberhalb von Lima

Später fahren wir auf einem abenteuerlichen Weg hinauf auf den Hügel „San Cristobal“,

von dem aus man eine phantastische Aussicht auf Lima hat. Die Grenzen der Stadt sind nicht erkennbar – so weit das Auge reicht, stehen Häuser, Hütten und durchziehen Straßen das graue Gewirr. Lima liegt in einer Erdbebengefährdeten Zone, daher werden hier nicht so viele Hochhäuser gebaut wie in São Paulo.

Elf Millionen Einwohner benötigen deshalb mehr Raum als die Menschen in der brasilianischen Metropole, die wir gerade erst verlassen haben.

Von hier aus knapp eine Stunde entfernt, in Huaycán, aber immer noch in Lima, wohnt Bischof Norbert Strothmann. In seinem Haus werden wir übernachten.

Christian Frevel