Kamikaze Clau

Der vierjährige Clau ist im wahrsten Sinn des Wortes nicht mehr zu stoppen – durch gar nichts. Rums, die nächste Wand, peng, der nächste Baum, kawumm, die Füße der Schwestern. Ich muss ja zugeben, ich bin schwer verliebt in ihn und deswegen konnte mich heute nicht zurückhalten, als ich ein Mini-Kindermotorrad im Spielzeugladen gesehen habe. Einfach affenscharf.

Der vierjährige Clau und sein Fahrgerät, das fortan das Schwesternhaus in Léogâne in Haiti unsicher macht.   Foto: Habermann

Der vierjährige Clau und sein Fahrgerät, das fortan das Schwesternhaus in Léogâne in Haiti unsicher macht. Foto: Habermann

Ich glaub’, der Rest der Mannschaft hasst mich schon, weil Clau am liebsten seine Runden in der Küche um den Esstisch dreht. Zwischendurch ruft er mir souverän zu, wie ein echter Kerl: „Madame Eva, monte, monte!“

Was soviel heißt wie „Steig auf“, und während ich dann heimlich mit den Füßen mit anschiebe, fährt er stolz wie Bolle mit mir den Flur entlang, und rums, hängen wir schon wieder an dem nächsten Türrahmen fest. Das mit dem Steuern hat er noch nicht so raus. Aber Kamikaze-Clau lässt sich nicht beirren und fährt schon wieder … gegen eine Wand.
Ach wie freu ich mich! Clau ist super zufrieden. Heute Morgen war ich in Port au Prince in einer Schule, und es lief echt gut, weil mein Französisch immer besser wird und ich auch meine Fähigkeiten als Lehrerin langsam ausbaue. Es macht mir richtig Spaß! Mein Klosterkoller hat sich gelegt, und Madame Eva blüht auf. Ich hab wieder Essen eingekauft um am Sonntag zu kochen, und habe natürlich wieder viele Loombänder erstanden. Auf dem Rückweg nach Léogâne sind wir zur Schule von Schwester Edna gefahren, und da spielten noch ein paar Kinder, die ich schon kannte. Als sie mich sahen, sprangen sie vergnügt auf und ab, winkten und riefen „Madame Evaaaa!“ – da ist mir richtig das Herz aufgegangen.

Seitdem ich hier bin, sind eh schon sehr tolle Sachen passiert: Bereits zwei Personen haben mich über Facebook angeschrieben und wollten direkt hier den Schwestern oder mir etwas spenden, damit ich den Kiddies dann eine Freude machen kann. Ich finde das großartig! Nur zu! Da die Kinder kaum was haben, können sie so ungefähr alles gebrauchen. Ich bin ja noch fast neun Tage hier in Léogâne. Das mit den Spenden klappt natürlich auch über Adveniat.

Morgen mach ich mit Schwester Alta und den Novizinnen einen Ausflug nach Jacmel, eine der landschaftlich schönsten Gegenden hier. Dort sollen auch die meisten Haiti-Touristen sein – mal sehen, ob ich dort auf „Weiße“ stoße, nachdem ich wirklich seit Tagen keine mehr gesehen habe. Die einzigen Deutschen, die die Kinder in der Schule kennen oder vielleicht im Fernsehen gesehen haben sind Mezut Özil und Philipp Lahm, während Angela Merkel gänzlich unbekannt ist. Die spielt ja auch nicht Fußball.