Katastrophe mit Ankündigung

Margit Wichelmann mit Bischof Péan Es steht ein Reisetag an. Wir wollen von Porte-Au-Prince, der Hauptstadt, nach Cap Haitien, der zweitgrößten Stadt Haitis. Wir nehmen den Landweg, obwohl es mit dem Flugzeug deutlich schneller und erheblich bequemer wäre. Denn wir wollen Zwischenstopp machen in Gonaïves, der Stadt, die am schwersten betroffen war von den Hurrikans des vergangenen Jahres.
Wir sind dankbar, dass uns der Fahrer der Haitianischen Bischofskonferenz sicher über die wohl wichtigste Straße der Insel fährt, die Nationalstraße 1. Denn die „Schnellstraße“ ist in weiten Streckenabschnitten in einem desolaten Zustand. Das liegt teilweise daran, dass sie nicht immer optimal gebaut wurde und den stetigen Belastungen nicht Stand hält, vor allem aber daran, dass die Wirbelstürme und mit ihnen die anschwellenden Flüsse die Straße unter- bzw. überspülten, Brücken einrissen und Erdrutsche den Weg unpassierbar gestalteten.
Das Bischofshaus in Gonaïves gleicht einem Wasserschloss. Ein großer Teil des Innenhofes steht immer noch rund 40 Zentimeter unter Wasser, das einfach nicht abfließen will. Im September, als die Hurrikane „Ike“ und „Hannah“ Haiti trafen, stand das Wasser rund vier Meter hoch. Vom ersten Stock des Bischofshauses aus hat man einen guten Blick über die Stadt. Das Haus der Ordensschwestern gleich nebenan, erklärt Bischof Yves-Marie Péan, sei bis über das Dach überspült worden. So wird es wohl auch den vielen tausend anderen Häusern im Ort ergangen sein, die ebenfalls nicht höher sind und nur über ein Stockwerk verfügen. 500 Menschen nahm der Bischof in das Diözesanzentrum neben dem Bischofshaus auf, sein Haus wurde zum Obdach für Dutzende Priester, Ordensleute und Laien, die nicht in ihre Häuser konnten. Man habe die Phasen des Schocks, der Trauer und des Aufräumens hinter sich, sagt Bischof Péan, obgleich noch immer dreitausend Helfer der Caritas die Dutzende Lastwagen immer wieder mit den Resten des Schlamms beladen, den die Flut aus den Bergen hinabspülte. Allein aus dem Hof des Bischofshauses habe man bisher mehr als 250 LKW-Ladungen herausgebracht, sagt der Bischof, während draußen immer noch Arbeiter Lehm in Schubkarren schaufeln – acht Monate nach der Katastrophe. Noch immer leben Menschen in Zelten und Notunterkünften, hausen bei Verwandten in beengten Verhältnissen.Straßenszene in Gonaïves
Der Bischof von Gonaïves hatte in den vergangenen Monaten etliche Politiker in seinem Haus zu Gast, Staatspräsident Préval war gleich drei mal hier. Ihnen allen predigte er das, was er auch in einem Hirtenbrief an die Gläubigen geschrieben hatte: Es gilt jetzt, einer neuen Katastrophe vorzubeugen. Denn im Juli beginnt die nächste Hurrikan-„Saison“, und die Situation hat sich kaum verändert. Noch immer wird in den Bergen weiter abgeholzt, weil das Land Holzkohle braucht.
„Sie wird nicht nur fürs Kochen benötigt, sondern auch die Bäcker, die Wäschereien und auf den Baustellen nutzt man die Kohle. Wir brauchen ein Programm und Gesetze, die diesen massiven Gebrauch der Kohle stoppen“, fordert der Bischof. Im städtischen Bereich müsse man beginnen, hier ließen sich, da es eine Stromversorgung gebe, am schnellsten Alternativen für die Kohle finden. „Daneben müssen Deiche gebaut, Straßen gesichert werden“, sagt Bischof Péan. Das ganze erfordere einen „radikalen Bewusstseinswandel“. Die Kirche, mit den Predigten der Pfarrer und Bischöfe, tue ihren Teil, um darauf hinzuarbeiten.
„Inzwischen weiß die Bevölkerung um den Zusammenhang zwischen Abholzung und Überschwemmungen. Jetzt muss aus dem Wissen ein handeln erwachsen.“ Als wir am Nachmittag weiter fahren Richtung Cap Haitien, wird uns deutlich, welche gigantischen Anstrengungen notwendig sein werden, um das Problem zu lösen: Die Nationalstraße 1 ist an vielen Stellen zerstört, überall wird gebaut, doch selbst mit großen Maschinen ist es nicht möglich, die Folgen der Katastrophe auszulöschen. Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Beginn der Hurrikan-Saison, und schon jetzt ist klar, dass die Arbeiten nicht ausreichen werden, um einem erneuten Hurrikan Stand zu halten. Sollte erneut ein Wirbelsturm mit der Gewalt von „Hannah“ das Land treffen, werden diese ersten Bemühungen der Menschen, finanziert durch ausländische Hilfe, nicht ausreichen. Es mutet an wie die Ankündigung einer weiteren Katastrophe. „Natürlich haben die Menschen Angst“, hatte Bischof Péan gesagt. „Aber jetzt gilt es, gemeinsam die notwendigen Anstrengungen zu unternehmen.“ Hoffen wir, dass den Haitianern genug Zeit bleibt, um die Aufgaben zu lösen. Zehn Jahre brauche man, um den Plan umzusetzen, hatte der Bischof gesagt. In den vergangenen fünf Jahren wurde Haiti von fünf großen Wirbelstürmen getroffen. Gonaïves wurde drei Mal schwer getroffen.

Christian Frevel