Kindermigration: Am Grenzzaun

An der Nordgrenze wehen die Flaggen der Vereinigten Mexikanischen Staaten und der Vereinigten Staaten von Amerika. Foto:  Øle Schmidt

An der Nordgrenze wehen die Flaggen der Vereinigten Mexikanischen Staaten und der Vereinigten Staaten von Amerika. Foto: Øle Schmidt

In den Außenbezirken von Ciudad Juárez wohnen die Menschen in unmittelbarer Nähe zum Grenzzaun. Doch nur für die mexikanischen Polkarhythmen, die aus den Häusern erklingen und die US-amerikanische Seite mitbeschallen, stellt der hohe Maschendraht kein Hindernis dar. Der Zaun ist für eine sportliche Person durchaus überwindbar, doch die Patrouillenwagen der Border Patrol erscheinen unmittelbar und im Wüstensand auf eine unheimliche Weise scheinbar lautlos neben einem, sobald man sich auf mexikanischer Seite dem Zaun nähert.

Außerhalb von Ciudad Juárez steht der martialische „Tortilla Curtain“, eine Wand aus rostbraunen Panzerplatten, Recyclingprodukte aus einem der Golfkriege, die die USA im Mittleren Osten führte. Heute sollen die engmaschigen Eisengestelle die Migration in die Staaten aufhalten. Der texanische Gouverneur Rick Perry schickte im Sommer zur Verstärkung der Abschottung die Nationalgardisten an die Grenze. Wird hier jetzt ein Krieg gegen Kinder geführt?

Schwarze Käfer krabbeln durch die karge und doch bezaubernd schöne Landschaft aus niedrigen trockenen Büschen und Gräsern. Eine mexikanische Familie macht auf ihrem Tagesausflug am Zaun halt. Ein Mann führt ein Zwillingspärchen auf wackeligen Babybeinen durch den roten Wüstensand.

Die Grenze ist von einer seltsamen Aura umgeben, vielleicht, weil hier nicht selten über Leben und Tod entschieden wird. Und über den Eintritt in das „gelobte Land“, das so viele Hunderttausend Menschen jährlich zu erreichen versuchen – und nicht selten bei ihren Versuchen mehrfach hintereinander abgeschoben werden. Wer es schafft, der hat es nicht einfach. Zwei bis drei Jobs bringen erst genügend Geld zum Überleben im Niedriglohnsektor der USA und zum Zurückschicken an die Familie zuhause ein. Erst die dritte Generation kann sich laut Statistiken etablieren und ihre Kinder an die Universitäten schicken.

Der Familienvater am Grenzzaun berichtet, dass er als Assistent an der Universität von Juárez arbeitet. Er hat kein Visum für die USA, war noch nie auf der anderen Seite des Zaunes. Seine Kinder aber sind dort geboren. Seine Frau zog die Privatkliniken jenseits der Grenze den öffentlichen Krankenhäusern Mexikos vor. Auch sein Chef an der Universität ist im Drogenkrieg auf die andere Seite nach El Paso gezogen. Dessen Kinder wohnen bei seiner Exfrau in Ciudad Juárez. Menschliches Verwirrspiel an der Grenze, die trennt und verbindet.

Die weißhaarige Schwiegermutter erzählt uns, dass die Trennung erst in den letzten Jahrzehnten vollzogen wurde. Sie erinnert sich an die Zeiten, als Menschen und Waren den Grenzfluss Río Bravo auf Flößen überquerten. Bilder von der Südgrenze Mexikos steigen in unserem Kopf empor, die wir erst vor wenigen Tagen gesehen haben. Sah es hier denn tatsächlich einst genauso aus?

Text: Kathrin Zeiske

Kathrin Zeiske arbeitete nach ihrem Politologiestudium in der Migrantenherberge Buen Pastor an der Südgrenze Mexikos. Über ihre Arbeit lernte sie Adveniat kennen. Heute ist sie als Freie Journalistin in der Region unterwegs und berichtet u.a. für den Blickpunkt Lateinamerika über Migration, Menschenrechte und Globalisierung. Gemeinsam mit dem Fotografen Øle Schmidt folgt sie der Route der Migranten auf dem Weg in die USA.