Kindermigration: Bei den Ameisen

Yenifer besucht regelmäßig das Kinderzentrum »Las Hormigas« in einem Armenviertel in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez. Foto: ole schmidt

Auch Cintia besucht regelmäßig das Kinderzentrum »Las Hormigas« in einem Armenviertel in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez. Foto: ole schmidt

In der Grenzstadt Ciudad Juárez, die mit ihrer Zwillingsmetropole El Paso ein ganzes weites Tal füllt, besuchen wir die Ameisen. „Las Hormigas“, nennt sich die kleine Organisation, die zwei ehemalige Ordensschwestern in einem der ärmsten Viertel entlang des Grenzzauns gegründet haben. Hier im Nordwesten der Stadt leben die Zugezogenen aus anderen Landesteilen Mexikos, die in den Industrie­ge­bieten im Südosten der Metropole die Werkbänke der Weltmarktfabriken füllen.

„Die Ameisen“, die ein kühles hohes Lehmhaus mit Blick auf die USA bewohnen, arbeiten emsig, in kleinen Schritten und mit langem Atem an der sozialen Entwicklung des Viertels Anapra, dessen Bild von Gartenzäune aus Paletten, verwahrloste Hunde und staubige breite Straßen geprägt ist. Sie laden Kinder zu sich ein, die in der Schule Lernschwächen zeigen, auffällig werden; sie bieten ihnen Hausaufgaben­hilfe mit Montessori-Materialien und Gestalttherapie an – und das mit erstaunlichen Erfolgen.

Doch Bedingung ist, dass auch die Eltern zu ihnen kommen und Workshops und Beratung in Anspruch nehmen. „Die Kinder spiegeln in ihrem Verhalten nur die Armut und die über Generationen geprägten Gewaltstrukturen wider, die in ihren Familien vorherrschen“, berichtet Linabel Sarlat, die uns in den großen hellen Unterrichtsraum voller kleiner Tische, Stühle und Regalen auf Kinderaugenhöhe führt. „Diese versuchen wir zu durchbrechen und den Familien Formeln für ein liebevolles Miteinander auf den Weg zu geben.“

Plötzlich sind die anwesenden Kinder in heller Aufruhr. „Eine Kakerlake, eine Kakerlake!“ Mitarbeiterinnen, Mütter und Kinder begeben sich auf der Suche nach der fliegenden Küchenschabe. Erst als diese mit dem Besen von einer Leuchtröhre geholt wird, stellt sich heraus, dass es sich um ein Gummitier handelt, dass der kleine Rafita in der Schule eingetauscht hat. Seine Banknachbarin Yenifer lacht vergnügt. Ihre Mutter, die in einer Maquila arbeitet, sagt, sie sei vor drei Jahren aus dem südlichen Bundesstaat Chiapas hierher gezogen. Linabel Sarlat kommentiert leise: „Ich glaube, dass die Familie in Wirklichkeit aus Honduras ist.“

Auf dem Rückweg ins Stadtzentrum fahren wir bei einem anderen „Ameisen-Familienvater“ vorbei. Gonzalo steht an einem Straßenstand und verkauft gefüllte Maisfladen. Sein „kleiner“ Sohn, der erst bei den Hormigas schreiben lernte, ist heute ein Pubertierender. Gonzalo war in seinem Alter schon bei der Armee. Diese führte im salvadoria­ni­schen Bürgerkrieg Zwangs­rekrutierun­gen durch. Als Gonzalo fliehen konnte, machte er sich mit einem Wanderzirkus in den Norden auf. Heute steht er keine 500 Meter vom Grenzzaun entfernt, und beobachtet, wie eine neue Generation von Kindern aus seinem Land diesen zu überwinden sucht – heute vor den Rekrutierungen der Jugend­banden fliehend.

Text: Kathrin Zeiske

Kathrin Zeiske arbeitete nach ihrem Politologiestudium in der Migrantenherberge Buen Pastor an der Südgrenze Mexikos. Über ihre Arbeit lernte sie Adveniat kennen. Heute ist sie als Freie Journalistin in der Region unterwegs und berichtet u.a. für den Blickpunkt Lateinamerika über Migration, Menschenrechte und Globalisierung. Gemeinsam mit dem Fotografen Øle Schmidt folgt sie der Route der Migranten auf dem Weg in die USA.