Kindermigration: In den USA

Der Bischof von Dallas, Kevin Farrell, setzt sich für die Rechte von lateinamerikanischen Migranten in den USA ein, die keine Papiere haben.

Der Bischof von Dallas, Kevin Farrell, setzt sich für die Rechte von lateinamerikanischen Migranten in den USA ein, die keine Papiere haben.

Plötzlich ist alles anders als in Mexiko: wir sind in Dallas gelandet. Die Straßen sind breit und groß und ziehen sich wie in einem Zeichentrickfilm durch grüne Wiesen. Noch größer erscheinen die Parkplätze vor den Shopping Malls und Fastfood-Restaurants, die gefüllt sind von in der Sonne glänzenden Neuwagen. Fußgänger sind nur selten zu sehen. Straßenstände, an denen Essen angeboten wird, fehlen; laute Musik, die aus Häusern und Autos schallt, ebenso.

Wir sind angekommen. Dort, wo all die Männer, Frauen und Kinder, die wir auf unserer Reise getroffen haben, so sehnsüchtig hinwollen. In dem Land, das ihnen täglich in zahlreichen Kinofilmen, Serien und Fernseh­nachrichten Arbeit, Wohlstand und ein Leben in Sicherheit verspricht, und für deren Erreichen sie ihr Leben aufs Spiel setzen. Auf dem gefährlichen Weg durch Mexiko und der ebenso risikoreiche Grenzüberquerung.

Bischof Kevin Farrell empfängt uns zu klassischer Musik. In den USA ist er ein Fürsprecher für die Kinder und Jugendlichen aus Mittelamerika und Mexiko, die abgeschoben werden sollen. Eigentlich hatte sich die Stadt Dallas bereit erklärt 2.000 Minderjährige aufzunehmen. Doch der politische Wind hat gedreht.

„Es ist traurig, den harschen Rassismus in einem Land von Einwanderern zu spüren“, sagt der großgewachsene Mann, dessen eigene Wurzeln nach Europa reichen. Die Kirchengemeinden seiner Diözese sprächen fast ausschließlich Spanisch. „Menschen protestieren diese Tage so zornig vor Unterkünften mit Kindern, als wären diese Verbrecher.“ Wenn jemand in seiner Gegenwart bekundet, dass die Grenze zu Mexiko weiter militarisiert werden müsse, fragt er höflich nach dem Nachnamen des Gegenübers und wo dessen eigene Familie her stamme. „Dass Mauern auf dieser Welt zu nichts anderem gut sind, als Familien auseinanderzureißen, muss ich euch aus Deutschland doch nicht erklären, oder?“

Wir sind müde vom Reisen. Dabei haben wir nicht auf Güterzugdächern gesessen, uns keine Schwielen an den Füssen gelaufen, mussten nicht Hunger und Durst erleiden und gegenüber Narcos, Menschenhändlern, Polizisten und Militärs um unser Leben fürchten.

Die unterschiedlichen Bedingungen von Menschen auf dieser Welt mobil zu sein, Arbeits- und Wohnorte frei wählen zu können, erscheint uns einmal mehr absurd und unmenschlich. Nur unser zufälliger Geburtsort in Europa und ein deutscher Pass ermöglicht es uns, in Mexiko zu leben und ohne Probleme in die USA zu reisen, während wir uns fragen müssen, ob Erick Noe, Andy, Ingrid und ihre zahlreichen Altersgenossen hier jemals sicher ankommen werden.

Text: Kathrin Zeiske

Kathrin Zeiske arbeitete nach ihrem Politologiestudium in der Migrantenherberge Buen Pastor an der Südgrenze Mexikos. Über ihre Arbeit lernte sie Adveniat kennen. Heute ist sie als Freie Journalistin in der Region unterwegs und berichtet u.a. für den Blickpunkt Lateinamerika über Migration, Menschenrechte und Globalisierung. Gemeinsam mit dem Fotografen Øle Schmidt folgt sie der Route der Migranten auf dem Weg in die USA.