Kindermigration: Nur noch eine Tagesreise zur Grenze der USA

Der 14-jährige Andy ist aus Honduras geflohen, er träumt davon, in den USA sein Abitur zu machen. Foto: ole schmidt

Der 14-jährige Andy ist aus Honduras geflohen, er träumt davon, in den USA sein Abitur zu machen. Foto: ole schmidt

Am nächsten Morgen verlassen wir das Zentrum von Saltillo Richtung Bahnschienen. Hier liegt die Migrantenherberge Betlehem hinter Wandgemälden und Schriftzügen. Ein Mann aus Honduras macht uns das Tor auf. Angesichts von Kamera und gezücktem Schreibblock verzichtet er auf die Routinedurchsuchung am Eingang und winkt uns freundlich durch.

In dieser Herberge wird nicht Dame sondern Domino gespielt. Die vier Spieler werden von einer ganzen Gruppe von Zuschauern umringt, Männer, Frauen, Kinder und Kinder, die mit ihren Kindern reisen. Wie die 17-jährige Ingrid aus Guatemala, die mit dem einjährigen Sohn Johnny unterwegs ist. Die meisten aus der Versammlung kommen aus Mittelamerika, doch auch drei Inder sitzen mit auf den Bänken und ein Russe Anfang 60, der keine Schneidezähne hat, aber einen Waschbrettbauch und sagt, dass er vor dem KGB auf der Flucht ist.

Hier warten sie nun, Menschen aus aller Welt, auf den Eintritt ins „Gelobte Land“. Warten auf den Coyoten, der sie über die Grenze in die USA bringen soll, die von Saltillo nur noch 300 Kilometer entfernt ist. Von hier aus wird die Reise in Bussen weitergehen. Niemand, der hier sitzt, achtet mehr auf das Pfeifen des unendlich langen Güterzuges, der hinter der Herberge seine Fahrt verlangsamt.

Das Dominospiel gewinnt der 14-jährige Andy aus Honduras. Er ist mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder unterwegs. Erstmal wollen sie hier in Nordmexiko Fuß fassen. „Ich will in Saltillo die Mittelstufe abschließen“, erzählt Andy. Später, so hofft er, wird er in den USA Abitur machen.

Seine Mutter hat Angst, mit den beiden Jungen die Wüste zu durchqueren. Auf zugänglicheren Pfaden jedoch ist die Border Patrol unterwegs. Herbergen­mit­arbeiter Juan José Villagómez weist darauf hin, wie viele Familien willkürlich von den US-Grenzern auseinander gerissen werden. „Es gibt kaum Familien­unter­künfte, da werden Eltern und Kinder einfach getrennt. Die Rechte der Kinder auf Schutz und Familie werden beiseite geschoben.“ Andy schaut betroffen.

Wir nehmen Abschied und setzen unsere Reise fort. Während der hohe Abendhimmel in spektakulären Farben erstrahlt, fahren wir nachdenklich zum Busbahnhof. Ein Fahrer in gestärktem Hemd reißt uns auf Englisch aus den Gedanken. Isaac steht auf seinem Namensschild. Elf Jahre hat er in den Staaten gelebt, sagt er, und dass er Land und Leute liebe. Damals sei er als „mojado“, als Nasser, klandestin über die Grenze. Es sei sein großer Wunsch, legal zurück zu kehren. Da das Busunter­nehmen auch Strecken in die USA befährt, hat er Chancen auf ein temporäres Arbeitsvisum. Er bricht auf, hebt grüßend die Hand: „See you, guys.“ Als er an dem Bildnis der Jungfrau von Guadalupe vorbeigeht, die über dem Wartesaal wacht, bekreuzigt er sich.

Text: Kathrin Zeiske

Kathrin Zeiske arbeitete nach ihrem Politologiestudium in der Migrantenherberge Buen Pastor an der Südgrenze Mexikos. Über ihre Arbeit lernte sie Adveniat kennen. Heute ist sie als Freie Journalistin in der Region unterwegs und berichtet u.a. für den Blickpunkt Lateinamerika über Migration, Menschenrechte und Globalisierung. Gemeinsam mit dem Fotografen Øle Schmidt folgt sie der Route der Migranten auf dem Weg in die USA.