Kindermigration: „Hunger bis zum Umfallen, das kenne ich von Zuhause“

Zwei Kindermigranten in der Herberge von Fray Tomás in Tenosique. Foto: øle schmidt

Zwei Kindermigranten in der Herberge von Fray Tomás in Tenosique. Foto: øle schmidt

Sechzig Kilometer hinter der Grenze liegt Tenosique. Die Migranten erreichen die verschlafene Provinzstadt inmitten unendlicher Kuhweiden zu Fuß. Sie durchqueren Sümpfe und Flüsse. In der Krankenstation der Migrantenherberge „72“ waschen ihnen Freiwillige aus Mexiko und aller Welt die Füße und desinfizieren die aufgesprungenen Blasen.

Im Eingangsbereich der Herberge grüßt Monseñor Oscar Romero. Vor dem Gemälde des Befreiungstheologen aus El Salvador, der zum Auftakt des Bürgerkriegs in El Salvador erschossen wurde, stehen Blumen. Romero kann wohl zu Recht als geistiger Vater von Fray Tomás González gelten, dem Leiter der Herberge. Der Franziskaner hat sie vor vier Jahren nach den 72 Migranten benannt, die in Nordmexiko Opfer eines Massakers wurden.

Die Sonne brennt und die Luftfeuchtigkeit ist unerträglich. Wer kann, ruht im Schatten aus, die Männer mit nacktem Oberkörper, und wartet. Alle hier warten sie: auf die nächste Mahlzeit, den nächsten sicheren Schlaf – und den nächsten Güterzug, dessen Waggons die Migranten von hier aus Richtung Norden tragen.

Fray Tomás ist nicht da, er ist überraschend nach El Salvador aufgebrochen. Wer den 41jährigen Franziskaner sehen möchte, schlägt die Zeitung auf, die über seine öffentlichkeitswirksamen Aktionen für die Rechte von Migranten berichten. Fray Tomás hat es in den vergangenen Jahren als kompromissloser Anwalt der Migranten zu einem gewissen Ruhm gebracht. In einem Land, in dem sich Staatsbeamte und Narcos an den Reisenden bereichern, bringt dies jedoch Prügel und Morddrohungen mit sich.

Sein engster Vertrauter ist Fray Aurelio, der sich auf einen Stock stützt, als er uns die Herberge zeigt. »Kinder und Jugendlichen sind die Verletzlichsten unter den Migranten«, sagt er. »Hier in Mexiko sind sie leichte Beute für die Drogenkartelle, die sie als Kuriere ausbeuten, und für Kinderhandelsringe, die sie in die Prostitution zwingen.« Dieses Jahr seien so viele Kinder und Jugendliche vor Armut und Gewalt auf der Flucht, wie noch nie zuvor.

Erick Noe ist einer von ihnen. Als wir den 13Jährigen um ein Interview bitten, lotst er uns zu seinem Lieblingsplatz, einer Sitzrunde unter Palmendach. Erst müssen wir Dame gegen ihn spielen – und verlieren haushoch. Dann erzählt er uns seine Geschichte. Er komme aus Honduras und sei mit einem Freund unterwegs. »Die Reise nach Norden ist hart“, sagt er. „Oft habe ich Hunger. Aber Hunger bis zum Umfallen, das kenne ich nur zu gut von Zuhause.« Warum er in die USA will? „Da ist Kriminalität verboten. Und Kinderarbeit.“ Von beidem gäbe es in seinem Land viel zu viel. Wir wünschen ihm Glück. Eindringliches Pfeifen kündigt den Zug an. Die Migranten packen ihre Sachen. Auch Erick Noe. Tausende Kilometer liegen vor ihm. Wir nehmen am Abend ein Flugzeug.

Text: Kathrin Zeiske
Kathrin Zeiske arbeitete nach ihrem Politologiestudium in der Migrantenherberge Buen Pastor an der Südgrenze Mexikos. Über ihre Arbeit lernte sie Adveniat kennen. Heute ist sie als Freie Journalistin in der Region unterwegs und berichtet u.a. für den Blickpunkt Lateinamerika über Migration, Menschenrechte und Globalisierung. Gemeinsam mit dem Fotografen Øle Schmidt folgt sie der Route der Migranten auf dem Weg in die USA.