Klosterkoller

Während meine Freunde und Bekannten auf der „Fashionweek“ in Berlin mittlerweile keinen Champagner mehr sehen können, keine Lust mehr haben auf Laufstege oder Partys, schlage ich mich gerade mit einem beginnenden „Klosterkoller“ herum: Ich möchte heute keine Psalmen mehr singen und hören, (Psalmen sind Bibeltexte, die zu festen Uhrzeiten dreimal am Tag von den Schwestern und Novizinnen rezitiert werden), besonders nicht um fünf Uhr morgens, wo ich normalerweise noch tief und fest schlafe.

Die Novizinnen im Schwesternhaus in Léogâne singen täglich mit den Schwestern während der Gebetszeiten Psalmen, und auch sonst wird im Ordenskonvent in Haiti viel gesungen. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Die Novizinnen im Schwesternhaus in Léogâne singen täglich mit den Schwestern während der Gebetszeiten Psalmen, und auch sonst wird im Ordenskonvent in Haiti viel gesungen. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Heute habe ich sogar einen Ohrwurm von einem Psalm – ist das bereits ein bedenklicher Zustand? Muss ich mir Sorgen machen? Nach fast drei Wochen in Haiti sehne mich nach Fitnessstudio, Friseur und, ja, auch mal wieder Highheels. Auch Make-Up wäre eine schöne Abwechslung, besonders nach drei Wochen Schmink-Abstinenz. Männer können sich das wahrscheinlich kaum vorstellen, aber ein bisschen „Show“ tut uns Frauen gut. Wenn man sich optisch attraktiver fühlt, wirkt sich das sofort auch sofort positiv auf den Gemütszustand aus. Jedenfalls bei mir. Derzeit fühle ich mich eher wie eine alternativ angehauchte Öko-Braut. Auch nicht verkehrt, aber bitte nicht jeden Tag!
Als mich gestern Schwester Jeanne fragte, ob ich mich mir nicht auch vorstellen könnte, Nonne zu werden, antwortete ich ein bisschen zu schnell und aus tiefstem Herzen mit einem „Non!“, woraufhin sie etwas verwundert dreinblickte.
Bevor der Koller überhand nimmt, sollte ich mir tunlichst neue Aufgaben suchen: So habe ich heute Nachmittag für zwei Stunden den Kirchenchor mit der Gitarre begleitet. Das war nicht ganz einfach, weil sie stimmlich oft genau zwischen zwei Akkorden lagen, aber es hat trotzdem Spaß gemacht. Vielleicht (wenn ich jetzt jeden Nachmittag mitprobe) kann ich am Sonntag auch die Messe begleiten – das wäre ja cool. Als einzige Weiße zwischen zweihundert Farbigen.
In der nächsten Woche kommt auch noch ein Journalist vorbei und begleitet mich bei meiner Arbeit und zwei Tage später der Fotograf Martin Steffen (auch genannt Professor Unrat, weil sein Auto immer so unordentlich ist), mit dem ich schon im April in Haiti war. Das freut mich, weil (wie gesagt) ein bisschen Abwechslung im Tagesablauf mir gut täte. Dann bin ich auch nicht mehr die unordentlichste Person im Kloster, da es Martin um Haaresbreite gelingen wird, mich zu toppen. Martin hilft übrigens selber seit Jahren mit einer tollen Aktion, über Adveniat Kindersklaven in Haiti zu unterstützen. Mehr dazu steht auf der Homepage von Adveniat hier.