Kolumbien: 500 Bilder für 500 Ermordete

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Ulrike Purrer mit einer Jugendgruppe zu Besuch in der „Casa de la Memoria“. Fotos: Jürgen Escher

Das Zentrum Tumacos gleicht einem Ameisenhaufen. Straßenhändler bieten Früchte an, die allgegenwärtigen Motorräder befördern die Menschen als Taxiersatz für wenig Geld von einem Ende der Insel zum nächsten. Wir sollen die Fahrer nicht fotografieren, warnt unsere Gastgeberin Ulrike Purrer, Leiterin der Jugendarbeit der Diözese. Einige der Motorradfahrer seien gleichzeitig für viele der Ermordungen verantwortlich, stünden im Dienste der sich bekämpfenden Gruppen.

In einem schmalen Gebäude liegt die „Casa de la Memoria“, eine Gedenkstätte für die Opfer der anhaltenden Gewalt in Tumaco, die mit finanzieller Unterstützung von Adveniat aufgebaut wurde. Viermal so hoch wie im Landesdurchschnitt ist die Mordrate in der Stadt, kaum ein Jahr vergeht ohne 200 bis 300 Morde. In der „Casa“ hängen die Bilder von 500 Ermordeten. Ulrike Purrer ist heute mit ihrer Jugendgruppe vor Ort, zum ersten Mal besuchen die Jugendlichen die Gedenkstätte.

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Jugendlicher schreibt seine Gedanken auf in der „Casa de la Memoria“.

Jugendliche sind Zeugen der Gewalt

„Wer erkennt Freunde oder Verwandte wieder?“, fragt sie die Jugendlichen. Minutenlang ziehen diese schweigend an den Bildern vorbei. Und erkennen Onkel, Nachbarn und Spielkameraden wieder. Zaghaft berichten einige, was sich in ihren Familien abgespielt hat, manche wurden Zeugen von Gewalt.

Hinter der Idee, eine Gedenkstätte für die Opfer aufzubauen, steht eine Ermordung. Im September 2001 wurde Yolanda Cerón, die damalige Leiterin der Sozialpastoral in Tumaco, von Auftragsmördern auf offener Straße ermordet. Yolanda hatte Buch geführt über die Menschenrechtsverletzungen, hatte offen die Mörder benannt. Und sich dabei viele Feinde geschaffen.

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An dieser Straßenecke vor der Kirche „La Merced“ wurde Schwester Yolanda von einem Motorrad aus erschossen.

„Der Tod darf nicht das letzte Wort haben“

„Der Mord an Yolanda war ein wichtiger Moment für Tumaco“, erzählt Dora Vargas, die in der Pastoralarbeit aktiv ist. „Mit ihrem Tod begann man in Tumaco, die Dinge offen anzusprechen. Ihr Tod ist natürlich furchtbar und tragisch, aber vielleicht wäre sie heute stolz darauf, dass ihr Tod die Menschen hier wachgerüttelt hat.“

Der Saal mit den Opferbildern sei ganz bewusst nicht an das Ende der Casa gelegt, erklärt Ulrike Purrer. „Der letzte Raum in der Casa ist ein Raum, in dem jeder seine Hoffnung kundtun kann.“ Die Jugendlichen von Ulis Gruppe haben ihre Hoffnungen und Bitten für eine bessere Zukunft auf Zettel geschrieben. Im letzten Raum der „Casa“ heften sie diese an die Wand. Die Zettel bilden einen Lebensbaum, ein Symbol für eine Zukunft ohne Gewalt in Tumaco. „Der Tod darf einfach nicht das letzte Wort haben“, sagt Ulrike Purrer. Es wird die Aufgabe der Jugendlichen sein, der von Gewalt dominierten Geschichte Tumacos neue, friedlichere Kapitel hinzuzufügen.

Video: Peter Theisen

Kommentar zu “Kolumbien: 500 Bilder für 500 Ermordete

  • 1. März 2015 at 17:51
    Permalink

    Ich bin durch den Bericht von Peter Theisen aufmerksam geworden und möchte meinem tiefen Respekt Ausdruck verleihen – für das heldenhafte Engagement ihrer Mitarbeiter vor Ort.

    Georg Dannemann

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