Kolumbien: Arbeiter für den Frieden

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Padre Dario im Interview mit Thomas Milz in der Krypta, die derzeit saniert wird. Fotos: Jürgen Escher

Leichter Nieselregen heißt uns willkommen, graue Wolken liegen über Bogotá, der ersten Station unserer Kolumbienreise. Vor der Basilika der Herz Jesu Kirche im armen Süden Bogotás begrüßt uns Padre Darío Echeverry González, ein Claretinerpater, der hier als Kaplan tätig ist. Und derzeit als Bauleiter. Die Kirche ist von Gerüsten umgeben, Bauarbeiter bessern die Fassade aus. Die massive, rund vier Meter große Holztür, liegt im Eingangsbereich der Kirche.

Die Kirche, die in Kolumbien unter dem Namen „Voto Nacional“ bekannt ist, repräsentiert ein wichtiges Stück Geschichte für das südamerikanische Land. „Zwischen 1898 und 1902 tobte in Kolumbien der Krieg der tausend Tage, ein Bürgerkrieg, der mit der Abtrennung Panamas von Kolumbien endete“, erzählt uns Padre Darío. Mehr als 100.000 Menschen seien ihm zum Opfer gefallen, eine nationale Katastrophe. In Erinnerung an die Opfer wurde 1902 der Bau der Kirche in Auftrag gegeben. Padre Darío führt uns in die Krypta, wo Bauarbeiter gerade dabei sind, den Boden abzutragen. Knietief steht Wasser in den engen Gängen.

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Padre Dario im Gespräch mit einem Obdachlosen. Er ist für die Ärmsten Bezugs- und Vertrauensperson.

Abwasser bedroht das Fundament der Kirche

„Wir haben ein großes Problem mit Wasserinfiltrationen, Abwasser, dass die Fundamente der Kirche bedroht“, erklärt Padre Darío. Er gilt als Mann, der zupacken kann, der Probleme angeht. Mit dem Bauleiter geht er den Plan für die heutigen Arbeiten durch. Alles laufe gut, sagt er, sowohl an der Fassade wie im Kellerbereich. Es ist nicht seine einzige Baustelle. Vor der Kirche warten ausgemergelte Gestalten auf den Kaplan, Obdachlose und Drogenabhängige. Padre Darío nimmt sich Zeit für sie, hört sich die Sorgen der Menschen an, die den ganzen Tag über auf dem Platz vor der Kirche verweilen, stets kritisch beäugt von einem halben Dutzend Polizisten.

Es ist nicht irgendein Platz, sondern der Plaza de los Mártires, erbaut in Erinnerung an die Opfer des Unabhängigkeitskampfes gegen die spanische Krone. Von der gloriosen Vergangenheit des 19. Jahrhunderts zeugt noch ein Obelisk in der Platzmitte. Ansonsten atmen die Straßen der Umgebung die triste Realität der kolumbianischen Gegenwart. In einer Seitenstraße herrscht Anarchie, tausende Drogenabhängige versorgen sich hier mit Alkohol und Drogen. Vom Dach des an die „Voto Nacional“ angrenzenden Gemeindezentrums können wir einen Blick auf die „Bronx“ genannte Straße werfen. „Geht nicht zu weit vor, die Leute dort mögen es nicht wenn man sie beobachtet“, warnt uns Padre Darío. Es sei schon vorgekommen, dass man auf allzu neugierige Beobachter geschossen habe.

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Die Kirche von Padre Dario liegt mitten in einem der ärmsten Gebiete Bogotas, besser bekannt als „Voto Nacional“.

Polizei traut sich nicht in „Bronx“ hinein

Die Polizei, die auf den umliegenden Straßen massive Präsenz zeigt, traue sich nicht in die „Bronx“ hinein. „Ab und zu rücken sie mal in Mannschaftstärke dort hinein, um jemanden festzunehmen. Ansonsten halten sie Abstand.“ Der Padre ist in Eile, er wird im Zentrum Bogotás erwartet. Dort versammeln sich Vertreter von Opfergruppen des seit mehr als einem halben Jahrhundert anhaltenden Bürgerkriegs. Padre Darío koordiniert die Nationale Versöhnungskommission, in der sich die Opfer zusammengeschlossen haben.

Die Versöhnungskommission, deren Arbeit von Adveniat unterstützt wird, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Opfern eine Stimme zu geben, sowohl innerhalb der kolumbianischen Gesellschaft wie auch bei den Friedensgesprächen zwischen den Bürgerkriegsparteien, die seit 2012 in Havanna stattfinden. Derzeit ringt man dort um den Umgang mit Tätern, um Vergebung und einen Neuanfang für das vom Bürgerkrieg verwüstete Land. Noch eine Baustelle für Padre Darío. Und diese scheint seine schwierigste zu sein.

Video: Peter Theisen