Kolumbien: Die Benzinschmuggler von Tres Bocas

Bischof Omar besucht die Familie von Alejandro Ribeiro (links) im Grenzort „Tres bocas“. Die Familie lebt vom Benzinschmuggel. Fotos: Jürgen Escher

„Se vende gasolina“. Die Straßen rund um die Stadt Tibú sind gesäumt von kleinen Holzbuden, in denen Benzin verkauft wird. Statt Zapfsäulen bekommt man den Treibstoff in ausgedienten Cola-Flaschen oder Wasser-Kanistern, und das zum niedrigen Preis.

Tibú, wo wir bei Bischof Omar Alberto Sánchez zu Besuch sind, liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Venezuela entfernt. Die Urwaldwege an den Grenzfluss sind von kleinen Fördertürmen der staatlichen Ecopetrol gesäumt, Kolumbiens Ölförderer Nummer Eins. Doch durch die an den Wegen verlegten Pipelines fließt nur schweres Rohöl, unbrauchbar für das Betanken der Autos.

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Am Grenzfluss herscht geschäftiges Treiben-­‐auch die Kinder helfen mit beim Transport der Benzinkanister.

Grenzraum ist wichtiger Rückzugsraum der Guerilla

„Das Grenzgebiet zu Venezuela ist ein wichtiger Rückzugsraum der Guerrilla“, erklärt Bischof Omar. „Nach Anschlägen in Kolumbien ziehen sie sich rasch nach Venezuela zurück.“ Ziele der Anschläge sind auch die Förderanlagen der Ecopetrol, die deswegen meist durch Militärposten abgesichert sind.

Wir kommen im Grenzort Tres Bocas an, der seinen Namen den drei hier zusammenkommenden Flüssen verdankt. Die Grenze verläuft mitten durch den Ort, mehr als einen Grenzstein gibt es aber nicht. Grenzposten der venezolanischen Streitkräfte liegen auf der anderen Flussseite.

Der ganze Ort lebt vom Benzinschmuggel

Frau Ribero bringt Bischof Omar mit ihrem Motorrad an den Grenzfluss in „Tres bocas“-­‐hier am Grenzstein Kolumbien-­‐Venezuela. Fotos: Jürgen Escher

Frau Ribero bringt Bischof Omar mit ihrem Motorrad an den Grenzfluss in „Tres bocas“ – hier am Grenzstein Kolumbien ­‐ Venezuela.

Im Minutentakt fahren Boote vom kolumbianischen Ufer aus genau einen dieser Grenzposten an. Am anderen Ufer stehen schon Kanister in Reih und Glied, die auf die Überfahrt nach Kolumbien warten. „Benzin kostet in Venezuela praktisch nichts, im Gegensatz zu Kolumbien, wo es rund zehn Mal so teuer ist“, erklärt Bischof Omar.

Der ganze Ort Tres Bocas lebt vom Benzinschmuggel, in den von verschüttetem Treibstoff verklebten Straßen füllen Frauen und Kinder die Schmuggelware in kleinere Flaschen und Kanister um. Aber nicht nur die Menschen hier verdienen an dem orange-braunen Saft. „Wir müssen Prozente an die Guerrillas und andere bewaffnete Gruppen abgeben“, erklärt einer der Schmuggler. Wegezoll, der notfalls mit Waffengewalt eingeklagt wird. Trotzdem lohnt sich das Geschäft, der aus Venezuela eingeschmuggelte Treibstoff kostet den Endabnehmer nur rund ein Drittel des offiziellen Spritpreises in anderen Regionen Kolumbiens.

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Alejandro Ribeiro beim betanken eines Fahrzeugs in „Tres bocas“.

Schmuggel ist hier meist die einzige Chance auf Einkommen

„Schmuggel und andere illegale Aktivitäten sind für die Menschen hier meist die einzige Chance auf Einkommen“, so Bischof Omar. „Das schnelle Geld, das man mit derartigen Aktionen verdienen kann, wird aber nicht langfristig angelegt, sondern meist sofort wieder ausgegeben, für Alkohol und andere Vergnügen.“ Easy come, easy go – Geld, das schnell und leicht verdient wird, ist genauso schnell und leicht auch wieder weg.

Solange Benzin in Venezuela billig ist und die dortigen Grenzbehörden am Schmuggel mitverdienen, statt ihn zu unterbinden, werden die Boote weiter im Minutentakt über den Grenzfluss flitzen.

Video: Peter Theisen