Kolumbien: Die Geiseln der Coca

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Bischof Omar hat einen Traum: ein Coca-freies Catatumbo. Gemeinsam mit Bauern (hier im Bergdorf Pacelli) entwickelt der Bischof einen alternativen Plan zum Anbau landwirtschaftlicher Produkte in der Region. Fotos: Jürgen Escher

„Die Coca-Pflanze öffnet hier ständig neue Wege“. Omar Alberto Sánchez, Bischof von Tibú und Ende des Jahres im Rahmen der Adveniat-Jahresaktion zu Gast in Deutschland, sitzt am Steuer seines Landrovers „Hercules“. Und wundert sich. Links und rechts der Schlaglochpiste, über die wir seit Stunden hinwegrumpeln, entdeckt der Bischof neue, ihm bisher unbekannte Wege. „Wo neue Coca-Pflanzungen entstehen sollen, müssen erst mal neue Wege angelegt werden.“

Wir sind in der Region Catatumbo unterwegs, dem Einzugsgebiet des gleichnamigen Flusses an der Grenze von Kolumbien und Venezuela. Einst wurde hier Kakao, Kaffee und Zuckerrohr angebaut. Mitte der 90er Jahre hielt dann die Coca-Pflanze Einzug in die entlegene Region.

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Coca-­Pflanze.

Mit der Coca-Pflanze kamen auch die Guerillas 

„Um die Kokainpaste erzeugen zu können, braucht man Zement und Benzin“, so Bischof Omar. „Um das zu den Pflanzungen zu bringen, muss man Straßen haben.“ Ab und zu verwandelt sich die Schlaglochpiste plötzlich für kurze Strecken in richtige Straßen. „Wer das finanziert hat? Coca-Händler, Guerrillas, oder manchmal auch die Regierung.“

Mit der Coca kamen auch die Guerrillas nach Catatumbo. Hier, fernab von der Staatsmacht und nahe der Grenze zu Venezuela, über die sie sich notfalls zurückziehen können, haben sie sich in den dichten Wäldern niedergelassen. Am Coca-Geschäft verdienen sie mit, entweder kassieren sie Wegzoll oder stecken manchmal sogar selber hinter dem Vertrieb der Droge.

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Coca‐Plantage in Bergen von Cataumbo.

Menschen aus der Illegalität befreien

Bischof Omar hat einen Traum: ein Coca-freies Catatumbo. „Man muss die Menschen aus der Illegalität befreien, und dafür brauchen sie Alternativen.“ Gemeinsam mit Bauern entwickelt der Bischof einen alternativen Plan zum Anbau landwirtschaftlicher Produkte in der Region, der Staatspräsident Juan Manuel Santos vorgelegt werden soll.

„Der Boden hier erlaubt den Anbau verschiedenster Produkte, aber die Regierung muss zeigen, dass sie es ernst meint und die Verkehrswege instand setzen.“ Ohne befahrbare Straßen werden die Bauern ihre Produkte nicht auf die Märkte Kolumbiens bringen können – und zur Coca zurückkehren.

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Schwerbewaffnete Polizisten sichern das Bergdorf Las Mercedes vor den Überfällen der Guerilla.

Auch Polizisten sind Geiseln des Bürgerkriegs

Als die Dunkelheit anbricht, erreichen wir Las Mercedes, eine Kleinstadt mitten im Urwald. Die ersten Häuser sind mit schwarzen Stoffen bespannt, dahinter haben sich Polizisten verschanzt. Von den umliegenden Hügeln aus wurden sie in den letzten Jahren mehrfach von Guerrilla-Einheiten beschossen. Nun haben die Polizisten die Stoffe auch über manche Straßen der Stadt gespannt, damit diese nicht von den Hügeln aus einsehbar sind.

Die Staatsmacht in Las Mercedes hat sich in der ständigen Belagerung eingerichtet. Die jungen Polizisten, ganz in schwarz gekleidet, fühlen sich sichtbar unwohl. Sie wissen, dass jeder Schritt in den umliegenden Urwald hinein ihr Todesurteil ist. Die Polizisten sind, genau wie die Bauern des Umlands, die Las Mercedes und seine Einwohner, Geiseln des Bürgerkriegs. Und der Coca.

Im Video-Blog erzählen Thomas Milz und Jürgen Escher, was sie in Catatumbo am meisten beeindruckt und auch erschüttert hat:

Video: Peter Theisen