Kolumbien: Die Goldschürfer des Rio Quito

Goldwäscherin am Ufer des Rio Quito. Fotos: Jürgen Escher

Gemächlich fließt der Rio Atrato an Quibdó vorbei, der Hauptstadt des Departamento Chocó. Seine der Stadt zugewandte Hälfte ist schwarz, am gegenüber liegenden Ufer ist der Fluss ockerfarben. Unser Boot steuert quer durch den Atrato in Richtung der Quelle des ockerfarbenen Wassers: dem Rio Quito, der schräg gegenüber der Uferpromenade Malecon in den Atrato fließt.

Wir sind auf der Suche nach den Goldgräbern des Rio Quito, und das ockerfarbene Wasser ist ihre Spur. Schwimmende Goldbagger saugen den goldhaltigen Flusssand auf, lassen ihn über Lamellen laufen, auf denen das Gold hängenbleibt. Der Flusssand fließt zurück in den Fluss, der durch die Sedimente seine Farbe ändert. Folgen wir dem ockerfarbenen Wasser, finden wir die Goldbagger.

Unterwegs auf dem Rio Quito.

Unterwegs auf dem Rio Quito.

Militärs bewachen den Flusslauf

Also steuern wir in den Rio Quito, an dessen Einfahrt das Militär einen Posten eingerichtet hat. Davor liegen ein Dutzend kleiner Schnellboote, Pirañas genannt, mit denen die Militärs blitzschnell überall auf den Flüssen auftauchen können. Doch es soll das letzte Mal sein, dass wir die Boote heute sehen. Auf dem Rio Quito lassen sie sich nicht blicken.

Nach einigen Kilometern flussaufwärts erblicken wir eine einsame Frau am Ufer, die den Sand der Böschung in eine Goldwaschrinne schaufelt. Wild gestikulierend ruft sie uns entgegen: „No me tomen las fotos“. Fotografiert mich nicht, sie mag es nicht.

Das schwimmenden Monster

Unser Bootsführer versucht sie zu überzeugen, mit uns zu reden, doch sie will keine Scherereien, dreht sich immer wieder um, schaut den Fluss hinauf. Dumpfe, trommelnde Geräusche dringen von dort herüber. Wir fahren weiter. Der Wald links und rechts wird zusehends von einer Kraterlandschaft abgelöst, Sand- und Kiesberge wo früher Bäume standen.

„Hörst Du das Geräusch? Das sind die Bagger.“ Der Bootsführer steuert in die Mitte des Quito. In der nächsten Flussbiegung erblicken wir das schwimmende Monster, zwei Stockwerke hoch, mit dem schwanzartigen Saugrohr an seiner Hinterseite. Aus dem Maul des röhrenden Monsters tropft schleimartig das Flusswasser, dazwischen spukt es Kieselsteine aus. Nur das Gold speit es nicht zurück in den Quito.

Die riesigen Goldbagger großer Konzerne zerstören die Natur.

Chemikalien machen die Ufer-Bewohner krank

Am anderen Ufer wäscht eine Frau ein wenig Sand in einer Waschpfanne. Wir dürfen den Ertrag ihrer Arbeit sehen, nicht mehr als feiner Staub. „Die Bagger holen alles raus, für uns bleibt fast nichts.“ Seit Jahrhunderten schürfen die Bewohner des Chocó in den Flüssen nach Gold. Doch seit die Monster hier sind, ist alles anders.„Meine Haut schmerzt, das Quecksilber macht mich krank.“ Um das Gold vom restlichen Gestein zu lösen, setzen die Monster Chemikalien ein, die die Flüsse verseuchen. „Nennt nicht meinen Namen“, erbittet die Frau. „Adiós amigos.“

In dem Dorf San Isidro fühlt man sich machtlos. „Die Brasilianer und Argentinier haben ihre Bagger hierhergeschafft, obwohl sie es nicht dürfen, und rauben unser Gold.“ Die Bewohner des Dorfes am Ufer des Quito haben die Behörden angeschrieben, man möge etwas unternehmen. Doch nichts sei geschehen, die illegale Goldjagd geht weiter.

Objekt der Begierde: Gold in der Waschschale (Mitte).

Objekt der Begierde: Gold in der Waschschale (Mitte).

Die Regierung hält die Hände auf

Die Baggerteile kämen direkt aus Japan nach Buenaventura, Kolumbiens wichtigstem Pazifikhafen. Dann würden sie hier vor Ort montiert. Ohne die Duldung der Regierung sei das unmöglich, erklärt man uns. Die Regierung mache nicht nur die Augen zu, sondern halte auch die Hände auf. Am Flussufer könne man nichts mehr anpflanzen, ohne krank zu werden.

Wir gehen zurück zum Boot, in Quibdó wartet unser Flugzeug, wir müssen weiter zu unserer letzten Station in Kolumbien, nach Pasto. Der Rio Quito werde von Paramilitärs kontrolliert, erzählt man uns noch, rechte Terrorbanden, die die Bevölkerung terrorisieren und vertreiben.

Schulkinder im Flussdorf San Isidro freuen sich über die Anwesenheit des Fotografen.

Schulkinder im Flussdorf San Isidro freuen sich über die Anwesenheit des Fotografen.

ELN-Guerillas erpressen „Schutzgeld“

Und auch die linke Guerrilla ELN, offiziell der Ausrottung der Paramilitärs und dem Schutz und der Befreiung der Bevölkerung verschrieben, tauche immer wieder bei den Monstern auf, um ihren Anteil abzukassieren. Zuletzt weigerte sich einer der Baggerbesitzer, zu zahlen. Die ELN tötete ihn.

Wir legen ab, mit der Strömung sind wir schneller in Quibdó. Es beginnt zu regnen, die Stadt erscheint wie ein graues Betonmonster. Die Sonne hat uns verbrannt, und das Schwanken des Bootes lässt auch jetzt unsere Körper bei jedem Schritt seltsam vibrieren. Benommen lassen wir Quibdó hinter uns …