Kolumbien: Leben als Ausnahmezustand

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Treffen mit Jugendlichen der Jugendpastoral in der „Casa de la Memoria“ (rechts: Ulrike Purrer). Fotos: Jürgen Escher

Die zweite Station unserer Kolumbienreise liegt im äußersten Süden, an der vom Rest des Landes isolierten Pazifikküste. Aus der Luft betrachtet liegt die 80.000 Einwohner zählende Küstenstadt Tumaco traumhaft, ein von Urwald umgebener Ort mit Badestränden. Doch bereits im Landeanflug können wir die armen Pfahlbauten sehen, die in die Mangroven hinein gebaut wurden.

Tumaco liegt auf zwei Inseln inmitten einer Bucht. Die große Mehrheit der Menschen hier sind Afrokolumbianer, die in den letzten Jahrzehnten aus den Urwaldregionen in die Stadt gezogen sind. Hier haben sie ihre Holzhütten auf Pfählen in die Uferregionen gebaut, wo sie unter prekären hygienischen Bedingungen leben.

Mitten unter den Ärmsten der Armen

Ulrike Purrer lebt mitten unter den Menschen im Armenviertel „Nuevo Milenio“ ‐ in Häusern auf Stelzen im Wasser.

Ulrike Purrer lebt mitten unter den Menschen im Armenviertel „Nuevo Milenio“ ‐ in Häusern auf Stelzen im Wasser.

In einer der größten Siedlungen, der im Jahre 2000 gegründeten „Nuevo Milenio“, treffen wir die Theologin Ulrike Purrer aus Rostock, die seit drei Jahren als Fachkraft der Bethlehem Mission Immensee hier lebt. Mitten unter den Ärmsten der Armen, in einem Holzhaus.

Ihre Wohnung hat die Leiterin der Jugendarbeit in der Diözese Tumaco bewusst hier ausgesucht. „Ich kann hier nur ernsthafte Arbeit leisten, wenn ich die Alltagssorgen der Menschen kenne, und ich kann von ihnen nur ernst genommen werden, wenn ich hautnah erlebe, was sie bedrückt.“

Die Armensiedlungen Tumacos sind in der Hand der FARC, einer linken Guerrillabewegung, die seit Jahrzehnten im Untergrund gegen die herrschenden Eliten Kolumbiens ankämpft. Für uns sind die FARCs unsichtbar, genau wie die Linien die durch Tumaco verlaufen und die Stadt in Einflusszonen unterteilen.

Die Polizei hat hier niemals die Kontrolle

An strategisch wichtigen Punkten der Stadt hat die Regierung aus dem fernen Bogotá tausende Soldaten stationiert, und die Polizeikräfte patrouillieren die Straßen. Trotzdem haben sie Tumaco niemals unter ihre Kontrolle gebracht.

Die Stimmung ist aufgeladen, am Tag unserer Anreise wurde ein lokaler Führer der FARC von den Sicherheitskräften umgebracht. Nun befürchten die Sicherheitskräfte Racheakte der FARC.

Ulrike Purrer muss vorsichtig sein, will und kann ihre Jugendarbeit, die von der stillen Duldung der FARC-Führer lebt, nicht aufs Spiel setzen. „Als Ausländerin habe ich Privilegien, kann meine Arbeit mit den Jugendlichen durchführen. Wäre ich Kolumbianerin, wäre das wohl nicht möglich.“

In den Urwaldregionen herrscht Krieg

Ulrike Purrer im Centro „Afro“.

Ulrike Purrer im Centro „Afro“.

Über ihr Leben und ihre Jugendarbeit in Tumaco, die von Adveniat teilfinanziert wird, wird Ulrike Purrer Ende dieses Jahres im Rahmen der Adveniat-Jahresaktion in Deutschland persönlich berichten.

In den Urwaldregionen rund um Tumaco, die nur mühsam über eine Bergstraße und zahlreiche Flüsse zu erreichen sind, herrscht Krieg. Paramilitärische Gruppen, die die FARC bekämpfen, sitzen im dichten Dschungel, genau wie versprengte Untergruppen der Guerrilla. Gegenseitig macht man sich die illegalen Goldminen streitig, die den Kampf finanzieren.

Neben den Goldminen dient der Urwald zudem als Pflanzgebiet für Coca, was hier in Urwaldlabors produziert wird. „Vor zwanzig Jahren begann die Produktion von Kokain in der Umgebung Tumacos“, berichtet Dora Vargas, die in der Pastoralarbeit des Bistums engagiert ist. „Viele Menschen sind vor der unsicheren Lage im Urwald geflohen und nach Tumaco gekommen. Mit sich haben sie die Probleme des Urwalds in die Stadt gebracht“.

Es mangelt an Schulen und Krankenhäusern

Außer mit Gewehren ist der kolumbianische Staat in Tumaco nicht präsent. Es mangelt an Schulen und Krankenhäusern. Mehr als die Hälfte der Bewohner kann weder lesen noch schreiben, rund 70% der Jugendlichen sind arbeitslos.

Bastelnachmittag mit Kindern im Armenviertel „Nuevo Milenio“ in der Casa „Afro“ (links: Ulrike Purrer).

Bastelnachmittag mit Kindern im Armenviertel „Nuevo Milenio“ in der Casa „Afro“ (links: Ulrike Purrer).

Was wohl der Friedensprozess in Havanna bringen wird, wo Kolumbiens Regierung und Vertreter der FARC seit 2012 verhandeln, fragt man sich in Tumaco. Die lokalen Radiosender rufen die in den Urwäldern sitzenden Guerrilleros auf, ihre Waffen niederzulegen. Doch was wird aus der Stadt, wenn tausende Kämpfer auf der Suche nach einer Zukunft in die Stadt strömen?

Die Nacht senkt sich über Tumaco, und über die Bucht dröhnen die Rhythmen aus den zahlreichen Diskotheken der Stadt. Die Lichter der Pfahlbauten spiegeln sich auf der Wasseroberfläche des Pazifiks, des „friedlichen“ Ozeans. Doch der Frieden liegt in weiter Ferne.

Video: Peter Theisen