Kolumbien: Rap für den Frieden

Die Alianza Urbana in ihrem Probenraum – das sind rund 20 Jugendliche, die Hip Hop und Rap mit sozialkritischen Texten auf die Bühne bringen.

Die Alianza Urbana in ihrem Probenraum – das sind rund 20 Jugendliche, die Hip Hop und Rap mit sozialkritischen Texten auf die Bühne bringen. Fotos: Jürgen Escher

Die Bässe wummern, der Beat überschlägt sich fast. Die dicken Boxen blasen den Sound durch die Straßen der Nachbarschaft. Ghettoblaster. Big Lion, Georgekin und Paola rappen in einem kleinen Schuppen am Rande von Quibdó, der Hauptstadt des Departamento Chocó. Dazu tanzen sie im besten Hip Hop Style was das Zeug hält.

Die Hälfte der Einwohner Chocós sind unter 18 Jahre alt, Jugend umzingelt vom Chaos. Schlechte Schulen, mangelnde Ausbildungs- und Arbeitsplätze, Drogen, Gewalt und Armut – die Aussichten für die nächste Generation des Departamento Chocó sind nicht gerade rosig. „Sie sind die Kraft für unser Land“ singen die Jugendlichen der Alianza Urbana über sich und ihre Altersgenossen, „und sie wollen eine Zukunft in Sicherheit.“

Michaela Pfister, leitet die „Rap por la Paz“.

Michaela Pfister, leitet die „Rap por la Paz“.

Weg von dummen Gedanken, hinein in die selbstgemachte Kunst

„Wir wollen den Jugendlichen die Möglichkeit geben, zu erzählen, in welcher Situation sie sich befinden und welche Lösungsmöglichkeiten sie selber sehen“, sagt Michaela Pfister, eine deutsche Entwicklungshelferin die „Rap por la Paz“ leitet. „Und es ist wichtig, den Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitgestaltung zu ermöglichen“. Weg von dummen Gedanken, hinein in die selbstgemachte Kunst.

Die Alianza Urbana – das sind rund 20 Jugendliche, die Hip Hop und Rap mit sozialkritischen Texten auf die Bühne bringen. Die meisten der Jugendlichen leben am Rand von Quibdó errichteten Flüchtlingsheimen, Behelfsheimat für die seit dem Ende der 90er Jahre vom Land vertriebene Bevölkerung.

Die Paramilitärs dominieren den Alltag

Zur Alianza gehören Kids aus der Süd- und der Nordzone Quibdós. Das Besondere daran: die beiden Zonen stehen unter der Kontrolle zweier sich feindlich gesinnter paramilitärischer Gruppen. Offen sagt das hier niemand, man hat Angst. Die Paramilitärs haben in Kolumbien offiziell die Waffen niedergelegt und sich aufgelöst. Doch ihre Mitglieder dominierten noch immer das Geschehen, sagt man uns hinter vorgehaltener Hand.

Im Kolumbianischen Bürgerkrieg wurden seit 1985 rund 3 Millionen Menschen von ihrem Land vertrieben, rund die Hälfte davon aufgrund von Aktionen der Paramilitärs, rechter Terrorgruppen, die gegen die linken Guerrillagruppen der FARC und ELN kämpften.

Quibdó, Hauptstadt des Departamento Chocó.

Quibdó, Hauptstadt des Departamento Chocó.

Rap-Projekt ist einer der wenigen Zufluchtspunkte für Jugendliche

Sie stehen im Verdacht, mit den staatlichen Sicherheitskräften der Polizei und des Militärs zusammengearbeitet zu haben, meist im Auftrag von Großgrundbesitzern und einflussreichen Politikern. Eigentlich sollte ihre Terrorherrschaft längst beendet sein, dank des im Jahre 2005 erlassenen „Gesetzes für Gerechtigkeit und Frieden“, das die Demobilisierung der Paramilitärs anordnete.

Doch die Demobilisierung scheint Augenwischerei gewesen zu sein, haben sich die „Paras“, wie sie hier heißen, doch unter anderen Namen neu gruppiert und ihren Terror gegen die Zivilbevölkerung fortgesetzt. Viele Fluchtpunkte gibt es in Quibdó für die Jugendlichen nicht. Das Rap-Projekt ist eine der wenigen Ausnahmen.

Georgekin, Sänger der Alianza Urbana.

„Durch unsere Musik schicken wir den Opfern eine Botschaft“

„Hier können wir Musik machen und dabei die Dinge herausschreien, die uns auf der Seele liegen.“ Big Lion ist 23 Jahre alt. Die rote Mütze tief ins Gesicht gezogen, die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Gangster-Posen, er will locker und lässig wirken. Was kann einem scheinbar harten Jungen wohl auf der Seele liegen? „Da ist der Schmerz, den ich in meinem Leben erlebt habe. Da sind die vielen Menschen, die zu Opfern der Gewalt geworden sind. Und durch unsere Musik können wir eine Botschaft an diese Menschen schicken.“

Manchmal beginnen die Lieder der Alianza mit fröhlich Harmonien, in die die harten Texte schroff hineinsägen. „Wir erleben diese ganzen Probleme ja jeden Tag hier bei uns“, sagt Sänger Georgekin. Erst 26 Jahre alt, so sagt er, doch seine Augen scheinen seit Ewigkeiten auf das Elend der Welt geschaut zu haben. Er traue den Politikern nicht, sie würden sich nur bereichern wollen. Aber an Gott glaube er, Jesus sei für eine bessere Zukunft gestorben. Jesus stehe für Liebe.

Big Lion, Sänger der Alianza Urbana.

„Wir wählen die Politiker nicht, wir geben unsere Stimme lieber für die Kinder des Chocó“

In einem ihrer Videos tollt Georgekin auf einem Kinderspielplatz in der Flüchtlingssiedlung Villa España in der Nordzone Quibdós herum. Er sitzt auf einer Schaukel und schwingt vor und zurück. „Den Kindern wurde die Zärtlichkeit und ihre Werte geklaut“, singt er. Dann setzt der Refrain ein. „Wir wählen die Politiker nicht, wir geben unsere Stimme lieber für die Kinder des Chocó“.

Video: Peter Theisen