Kolumbien: „Tranquilo, no hay problemas“

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Mit „Hercules“, dem 19 Jahre alten Landrover geht es durch den Fluss. Am Steuer der Bischof von Tibú. Fotos: Jürgen Escher

Wer denkt, dass Reisen in Lateinamerika ein Zuckerschlecken ist, irrt. Um 7 Uhr morgens soll unser Flieger von Tumaco nach Cali starten. Doch seit den frühen Morgenstunden peitscht ein Sturm über die Küstenstadt im äußersten Südwesten Kolumbiens. An Schlafen ist nicht zu denken. Und ans Reisen ebenso wenig. Solange eine Wolkendecke über der kurzen Flugpiste liegt, werden wir hier nicht wegkommen, das ist uns klar.

Um 6 Uhr gleicht Tumaco einem riesigen See. Kniehoch steht das Wasser in den Straßen. Der Flieger aus Cali, der uns auf dem Rückweg hoch in die Berge mitnehmen soll, kommt erst gar nicht. Wie ein Kartenhaus bricht unser Reiseplan zusammen: die beiden Anschlussflüge hinauf in den Nordosten werden wir verpassen. Und der Bischof von Tibú, unserem nächsten Ziel nahe der Grenze zu Venezuela, wird vergeblich am Flughafen von Cucuta auf uns warten.

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Nach dem Wolkenbruch gleicht Tumaco einem riesigen See. Kniehoch steht das Wasser in den Straßen.

Wir sitzen fest

Kolumbiens Pazifikküste ist eine der am wenigsten erschlossenen Regionen Südamerikas. Auf rund 1.500 Kilometer Länge führen nur zwei Straßen aus dem Hochland durch dichten Wald hinab an die Küste. Die eine endet in Tumaco, aber angesichts der Wassermassen ist die schlecht ausgebaute Bergstraße keine Alternative. Wir sitzen fest.

Reisen in Kolumbien hat seine Tücken. Lediglich auf den zentralen Hochplateaus rund um die drei wichtigsten Städte des Landes, Bogotá, Medellín und Cali gibt es gut ausgebaute Fernstraßen. Der Westen, also die Pazifikküste, ist ebenso ein verkehrstechnisches Niemandsland wie der von Urwald bedeckte Osten des Landes. Doch die Kolumbianer behalten trotz aller Widrigkeiten stets die Ruhe.

… und auch den Anschlussflug verpasst

„Tranquilo, ich warte in Cucuta auf Euch“, muntert uns Monseñor Omar Alberto Sánchez, Bischof von Tibú, am Telefon auf. „Tranquilo“ meint auch die nette Dame von der Fluggesellschaft, gegen 13.40 Uhr werde es losgehen, verspricht sie und checkt uns geschwind auf unsere neuen Anschlussflüge ein.

Doch es gibt weitere Verzögerungen, und in Cali angekommen, verpassen wir direkt den Anschlussflug nach Bogotá. Dort nochmals verspätet angekommen, hetzten wir zum Flieger nach Cucuta, wo wir schließlich mit fünf Stunden Verspätung ankommen.

Mit fünf Stunden Verspätung geht´s dann endlich in den letzten Flieger nach Cucuta.

Mit fünf Stunden Verspätung geht´s dann endlich in den letzten Flieger nach Cucuta.

„Hercules bringt uns sicher ans Ziel“

„Kein Problem“, verspricht Bischof Omar, “Hercules wird uns auch in der Nacht sicher ans Ziel bringen.“ Hercules entpuppt sich als 19 Jahre alter Land Rover Discovery, der sich selbst von den heimtückischsten Schlaglochpisten nicht stoppen lässt.

Tibú, unser Ziel, liegt lediglich 130 Kilometer von Cucuta entfernt. Doch je nach Wetterlage braucht man bis zu sechs Stunden. Wir haben Glück, es ist trocken, und trotz der Dunkelheit kommen wir gut voran. Eigentlich reise er nicht gerne in der Nacht, müssen wir doch durch Gegenden, in denen sich Guerrillas versteckt halten. Und auch die rechten Paramilitärs hielten oft Reisende an. „Aber tranquilo“, sagt er.

Je später die Nacht, desto größer der Spanischknoten in der Zunge

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Monseñor Omar Alberto Sánchez, Bischof von Tibú auf dem Weg in seine Diözese.

Auf der Rückbank sinken die ersten Reisenden in den Schlaf, eingelullt vom ewigen Schütteln und Rütteln der Schlaglochpiste. Und trotz schwerstem Gepäck auf ihren geschundenen Knien. Der Mann auf dem Beifahrersitz hat derweil die Aufgabe, den übermüdeten Bischof durch ständige Gespräche wach zu halten. Je später die Nacht, desto größer der Spanischknoten in der Zunge.

Als wir gegen 2 Uhr morgens endlich in Tibú ankommen, schleichen alle Richtung Bett. Genau 24 Stunden nachdem der Sturm uns in Tumaco weckte, können wir endlich schlafen. „Tranquilo, no hay problemas.“