Kolumbien: Zwischen „falsch“ und „Erfolg“ … und dem Herz einer Mutter

Das Treffen mit ihr ergab sich rein zufällig. Nennen wir sie „Esperanza“ – auf Deutsch „Hoffnung“ – denn Hoffnung ist genau das, was ihr ganzes Wesen ausstrahlt. Esperanza ist etwa 60 Jahre alt und an ihren schwieligen Händen, dem faltigen Gesicht und den daraus hervor blitzenden Augen lässt sich erahnen, wie dramatisch ihr Leben verlaufen ist: Auf der ständigen Flucht vor der Gewalt des seit gut 50 Jahren währenden, blutigen Bürgerkriegs verschlug es sie von einer Region des Landes in die nächste, immer in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen. Wie tausende anderer Flüchtlinge kam Esperanza eines Tages nach Bogotá, um hier endlich ein neues Leben anzufangen. Sie brachte viele, viele Erinnerungen, ein paar Habseligkeiten und eines ihrer sieben Kinder mit: Jairo.

Jairo ist ein junger Mann von 25 Jahren, der zwar einen kräftigen Eindruck macht, jedoch geistig schwer behindert ist, ein besonderer junger Mann also. Für Jairo ist Esperanza, seine Mutter, die einzige Person, der er vertraut und auf die er sich verlassen kann. Für Esperanza ist ihr Sohn Jairo ihre größte Sorge, aber auch ihre größte Freude.  kolumbien_perez

Esperanza verdient den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn durch den Verkauf von kleinen Teigtaschen, die sie abends aus Mehl und Öl herstellt, das Jairo während des Tages in den umliegenden Geschäften erbettelt hat. Aber eines Tages endet unverhofft auch dieses kleine Glück, denn Jairo kommt nicht mehr nach Hause und … seitdem sind 6 Jahre vergangen. Jeden Tag backt und verkauft Esperanza ihre Teigtaschen und wartet geduldig darauf, dass Jairo zurück kommt oder ihr jemand etwas Konkretes über seinen Verbleib berichten kann, ihr Gewissheit darüber bringen wird, wohin er verschwunden oder ob gar tot ist.

Immer wieder gab es Nachrichten, die sie erreichten und die waren leider nicht gut. Jairo könnte einer der jungen Menschen gewesen sein, die in einem angeblichen Kampf zwischen Guerilla und Militärs erschossen wurden – im Gefecht gefallen. Sein Name tauchte auf der Liste der „falsos positivos“, der „falschen Erfolge“ auf. Hinter dieser sonderbaren Bezeichnung verbirgt sich der Tod vieler junger Männer, die für Prämien und Statistiken insbesondere in den Jahren zwischen 2004 und 2008 unter der Regierung Uribe in Kolumbien getötet wurden. Um die Armee in ihrem Kampf gegen die Rebellen als stark und durchsetzungsfähig erscheinen zu lassen, wurden Tausende Zivilisten in Krisengebiete gelockt, ermordet und als gefallene „Terroristen“ deklariert. Denn jeder tote Guerillero, jeder „positivo“ galt als ein Erfolg für die Streitkräfte und die Regierung.

Für Esperanza ist Jairos Tod „falsch“ und sicher kein „Erfolg“ und immer noch quält sie sich nächtelang mit dieser absurden Begrifflichkeit. Mittlerweile hat sie sich zwar mit Jairos Tod abgefunden, aber sie weigert sich, die Erklärung und Begründung, die man ihr gegeben hat, zu akzeptieren. Und das nicht nur mit ihrem Verstand, sondern vor allem in ihrem Herzen, dem Herz einer Mutter. Und dieses starke Herz treibt Esperanza, zusammen mit vielen anderen Müttern aus der armen, grauen und tristen Vorstadt Bogotás, Soacha, unermüdlich dafür zu arbeiten, dass so etwas nicht weiterhin geschehen und vertuscht werden kann. Die zufällige Begegnung mit Esperanza ist nun schon einige Monate her und Adveniat unterstützt weiterhin viele Projekte, die Menschen, die die Gewalt des Bürgerkriegs erlitten haben und leider immer noch erleiden, dabei hilft, mit dem erlebten Grauen leben zu können – damit sich dieses Grauen nicht in allen Zellen der Menschen und für den Rest ihres Lebens fest setzt. Es gibt ältere und jüngere Menschen, die Angehörige verloren haben (die Zahl der Toten in diesem Bürgerkrieg wird auf 220.000 geschätzt, davon 85% Zivilisten), etwa 5,7 Millionen Zwangsvertriebene und Binnenflüchtlinge, alleinstehende Mütter, die allein und auf sich gestellt große Familien durchbringen müssen, es gibt die Bürgerkriegswaisen, die Kindersoldaten und die verletzlichen Minderheiten der Afrokolumbianer und Indigenen.

Um zu dem, sich sicherlich noch lange hinziehenden, Friedensprozess in Kolumbien ein Scherflein beizutragen, unterstützt Adveniat die Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten, die Arbeit mit Kriegswaisen, die Reintegration von Kindersoldaten, fördert Programme für spirituelle Unterstützung und berufliche Perspektiven für Mütter, die ihre Familien allein ernähren müssen und trägt dazu bei, die Bildungschancen für Afrokolumbianer und Indigene zu verbessern. Wir bei Adveniat unterstützen nicht nur den sozialen Friedensprozess in Kolumbien, sondern wollen dazu beitragen, dass die Menschen, die so wie Esperanza alles verloren haben, ihren inneren Frieden wieder finden können und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben sich eines Tages erfüllt.

Monika Lauer Perez
Adveniat-Länderreferentin Kolumbien