Kuba: Der Jesus im Wasserglas

Der kleine zahnlose Mann will die Hand von Bischof Wilfredo Pino Estévez gar nicht mehr loslassen. Immer wieder streicht er über das Kreuz, das Monseñor um den Hals trägt und rüttelt etwas übertrieben am Unterarm des Geistlichen. Ganz schön hartnäckig! Aber der Bischof scheint das zu kennen. „Dieser Mann ist ein Santero”, erklärt er uns, nachdem der Alte, nach mehreren kräftigen Schulterklopfern, endlich von ihm abgelassen hat.

“Santería“, so nennt man in Kuba den Glauben, den einst die Sklaven aus Afrika mit auf die Karibikinsel brachten. Die Kolonialherren verboten den Zwangarbeitern die Ausübung ihres Glaubens, ließen sie taufen und verbannten die Darstellungen ihrer Götter. Aber die Menschen wussten sich zu helfen: Sie besetzten – wie in anderen Ländern Lateinamerikas auch – die Heiligenfiguren aus dem katholischen Glauben kurzerhand mit den Charakteren ihrer Götter.

“Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich daraus ein ganz eigener Glaube. Ein Mix aus christlichen und alten afrikanischen Elementen”, erklärt Bischof Wilfredo Estévez. “Ich muss gestehen, dass ich selber nie sehr tief in diese Thematik eingestiegen bin, aber ein zentraler Bestandteil der Santería ist der Versuch, sich mit möglichst vielen mächtigen Symbolen zu umgeben und so Böses zu vertreiben. Dafür sind die Menschen im Grunde für alles offen.”

Am Vortag haben wir, ohne es zu wissen, die Wohnung eines Santeros besucht. Für ein Interview über die Situation von Jugendlichen. Auf den ersten Blick scheint das Drei-Zimmer-Apartment die Bleibe eines Katholiken, der eine enge Beziehung zu Maria pflegt und jede Menge Krimskrams sammelt. Im Wohnzimmer stehen zahlreiche Marienstatuen. Auch als uns der Mann in das Nachbarzimmer führt, sehe ich zuerst eine alte Bekannte. Die Gipsfigur der kubanischen Nationalheiligen: die Virgen de la Cardiad. In den Augen der Santeros ist die „Barmherzige Jungfrau von Cobre“ auch Ochún, die Göttin der Liebe. Neben der Statue liegen hübsche bunte Perlenketten, Schalen mit Federn, Muscheln, getrockneten Blumen, Wurzeln und Zigarren. Am Rand eines mit Wasser gefüllten Glases hängt eine Jesusfigur aus Metall. Der gesenkte Kopf schaut nur knapp aus der Flüssigkeit, das leere Kreuz lehnt hinter dem Gefäß. Befremdlich. Außerdem entdecken wir in dem bunten Sammelsurium auch Dollar-Scheine und eine Postkarte mit dem Bild von Che Guevara.

“Die Menschen hoffen, dass die Macht all dieser Dinge auf sie übergeht”, erklärt der Bischof von Guantánamo und Baracoa. “Deswegen hat mir der alte Mann eben so übertrieben heftig die Hand geschüttelt. Wir katholischen Geistlichen sind auch bei vielen Santeros hoch angesehen. Während des Gottesdienstes versuchten sie immer wieder, eine Hostie zu ergattern, um sie dann auf ihrem Hausaltar zu Hause zu präsentieren.“

Text: Gaby Herzog
Fotos: Martin Steffen