Kuba: Nancy und Alessandro

Nancy ist jung und schön und liebt Alessandro. Alessandro ist jung und schön, er liebt Nancy auch – aber er hat Angst, seine Freiheit zu verlieren. Jetzt steht Nancy in der Bibliothek zwischen den Regalreihen vor ihm und will reden. Am Morgen hat sie einen Schwangerschaftstest gemacht und der weiße Streifen hat sich blitzschnell blau gefärbt. Nancy bekommt ein Baby – kein Zweifel.

Zufällig, auf der Suche nach einem Buch, ist Nancys Schwester Yordanka in Nancys Zimmer gegangen und hat, rein zufällig, den Papierkorb umgeworfen. Dabei findet sie – wie könnte es anders sein – den Schwangerschaftstest. Sie rennt aus dem Haus. Zeitgleich in der Bibliothek: Nancy hat Alessandro erzählt, dass sie schwanger ist. Er schreit, will, dass sie das Kind wegmachen lässt. Beim Wort “Abtreibung” fliegt die Tür auf – Yordanka! Alle machen ein entsetztes Gesicht, dann kommt dramatische Musik und der Abspann.

So oder so ähnlich haben wir das schon hundert Mal im Fernsehen gesehen. Die typische Erzählstruktur einer Telenovela. Erfunden wurde das Format vor einigen Jahren in Kuba. Die Grundidee: Es gibt eine zentrale Figur, meist eine junge Frau, deren Schicksal die Zuschauer Tag für Tag gespannt verfolgen – ein modernes Märchen mit Liebe, Leiden und ganz großen Gefühlen – Happy End garantiert!

So ist das in “Historia de una Familia”, der Geschichte von Nancy und Alessandro, auch. Das Besondere: Es ist eine Telenovela der katholischen Kirche in Kuba. Die Kurz-Serie wird nicht im Fernsehen ausgestrahlt, sondern als DVD “unter der Hand” in den Kirchengemeinde auf der ganzen Insel verteilt. “Es gibt nur rund 200 Exemplare, die in den Jugendgruppen weitergegeben werden und die man auf einem Computer abspielen kann”, erklärt einer der Projektchefs, Amador Heuia.

Die Episoden werden mit nur einer Handkamera gedreht. Drehorte sind kirchliche Gebäude, aber auch Privatwohnungen, die Gläubige zur Verfügung stellen. Amador schneidet die Aufnahmen dann an seinem Schreibtisch in einem alten Hinterhaus irgendwo in den Gassen von Havanna und mixt den Ton. Musik und Cliffhänger sind wichtig für die Spannung.

“In anderen Ländern hat die Kirche eigene Radiosender, ihre Themen werden im Fernsehen und in den Tagszeitungen regelmäßig besprochen”, sagt Amador Heuia. In Kuba ist das anderes. “Nur zu selten kommen wir als Kirche da überhaupt zu Wort. Deshalb müssen wir andere Möglichkeiten der Kommunikation finden.” Eine ist etwa die der Katholischen Zeitungen wie “Palabra Nueva”. Das Blatt erscheint einmal im Monat und richtet sich an Erwachsene. “Historia de una Familia” wendet sich deswegen ganz explizit an Jungendliche. “Wir thematisieren die konkreten Probleme der Teenager hier in Kuba und vermitteln dabei ganz nebenbei, auf moderne Art, christliche Werte.“

Und am Ende wird geheiratet – wie sich das für jede Telenovela gehört!

Text: Gaby Herzog
Foto: Martin Steffen