(M)ein Steinwurf

Mit Buquebus, der angeblich „schnellsten Flotte der Welt“, geht es heute von Buenos Aires über den Rio de la Planta nach Colonia. Die Überfahrt nach Uruguay dauert mit dem Schnellboot eine Stunde. „Bienvenido en el mundo Premier“, heißt es auf einer Großflächenwerbung am Anleger. Gemeint ist nicht die sogenannte „Erste Welt“, sondern die Welt des Unternehmens Premier (ich glaube, es ist eine Bank). Eine vierstündige Busfahrt Richtung Osten folgt. Über Montevideo geht es nach Maldonado.

Bischof Wirz

Bischof Wirz

Bischof Rodolfo Pedro Wirz erwartet mich an der Busstation. Der gebürtige Deutsche leitet das Bistum Maldonado seit 25 Jahren. Es ist eines von zehn Bistümern in Uruguay und erstreckt sich über 250 Kilometer Länge vom bekannten Badeort Punta del Este über Rocha bis Chuy an der brasilianischen Grenze. „Uruguay ist das laizistischste Land Lateinamerikas“, erklärt mir der Bischof. Etwa 75 Prozent der 3,4 Millionen Uruguayos seien getauft, davon gingen höchstens drei Prozent in den Gottesdienst. Die Kirche bekommt keine Steuermittel, sie ist bitterarm.

Wohnen im Barrio Kennedy

Wohnen im Barrio Kennedy

Uruguay galt viele Jahre als die Schweiz Lateinamerikas. Die Badeorte an der Küste machen deutlich, warum: Es gibt viel Geld im Land, viele ausländische Investoren, Fünf-Sterne-Hotels, Hunderte Bettenburgen und ganze Viertel mit Traumvillen. „Im Winter hat Punta del Este 5.000 Einwohner, im Sommer sind es 100.000″, sagt Wirz. In der Hauptsaison zwischen Dezember und Februar steigen täglich Tausende Urlauber aus den Kreuzfahrtschiffen. Der Tourismus bringt viel Geld und Wohlstand für die Küstenregion – aber nur für Wenige. Aus dem ganzen Land kommen Saisonarbeiter, die den größten Teil des hart verdienten Geldes, das für ein ganzes Jahr reichen muss – sofort wieder für ein Mehrbettzimmer im Ferienparadies ausgeben.

Neben dem Spiel der Armen ...  der Sport der Reichen.

Neben dem Spiel der Armen … der Sport der Reichen.

Reich und Arm liegen hier nur einen Steinwurf voneinander entfernt: Im Barrio Kennedy, östlich von der Innenstadt von Maldonado, ist eine unsichtbare Grenze in den Staub der Strasse gezogen. Rechts ein Premium-Golfclub, links reihen sich die Wellblechhütten eines Armenviertels aneinander. Rechts üben sich Millionäre beim Abschlag auf der Driving Ranch, links spielen Kinder im Dreck. Rechts versüßt man sich das Leben mit einem Cocktail, links betäubt man sich mit Hochprozentigem … Hedonismus und Hunger wohnen in der gleichen Strasse.

Diese Welt werde ich nie verstehen. Warum trifft kein Steinchen das Herz des Reichen?

Text: Carolin Kronenburg
Fotos: Achim Pohl