Mexiko … ¡un país fascinante!

Sich Treiben lassen

Kaum angekommen in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Mexiko fühle ich mich heimisch. Zwar ist mir hier alles neu, aber doch nicht fremd, da mich sehr vieles an Mittelamerika erinnert. Und in diese fremde, bekannte Welt tauche ich ein und lasse mich treiben – nicht nur vom ständig rauschenden Verkehr, der meist die Straßen verstopft und auch kurze Distanzen in lange Wegstrecken ausdehnt, sondern hauptsächlich von unseren ProjektpartnerInnen, durch die ich in eine Welt eintauchen darf, die mir ebenfalls nicht fremd, aber doch neu ist: z.B. die Probleme einer Gesellschaft, die sich im globalisierten Markt behaupten will und dabei zu gerne auf ihre Menschen vergisst – besonders die Indígenas, die in Museen und als Denkmäler bewundert, in der Gegenwart jedoch diskriminiert und marginalisiert werden. Dass alleine Mexiko-Stadt 1.5 Mio Menschen mit indigenen Wurzeln beherbergt, wollen die wenigsten sehen. Und die Betroffenen wollen es meistens verstecken, da „indigen“ noch immer mit „ungebildet, arm, schmutzig, rückständig, zu zivilisieren, heidnisch“ gleichgesetzt wird.

Einsatz für Indigenas 

Dort setzt z.B. die Arbeit von Caritas Hemanos Indígenas y Migrantes (Caritas für indigene MigrantInnen) an, die den von anderen Bundesstaaten in die Hauptstadt migrierten Mazahuá-Indígenas nicht nur bei rechtlichen und bautechnischen Fragen unterstützt, wenn sie aus einer Müllhalde eine Wohnsiedlung bauen, die diesen Namen eigentlich nicht verdient. Trotzdem: Die 12 Häuser, mit einem Grundriss von je 4x6m, sind in einer Stichstraße in Gemeinschaftsarbeit entstanden – was sich nicht nur in den gemeinschaftlich genutzten Toiletten und Waschbecken ausdrückt, sondern besonders in dem Gemeinschaftsraum, der für Versammlungen genutzt wird. In der Tradition der Indígenas, gemeinschaftsbezogene Entscheidungen auch in der ganzen Gemeinschaft zu besprechen und zu entscheiden, werden dort  nicht nur die Belangen der „Wohnstraße“ diskutiert und Feste  vorbereitet, sondern es werden unter Anleitung der Caritas Kurse gehalten, wo besonders die Frauen angeleitet werden, über ihre Identität zu reflektieren und ihr Selbstbewusstsein als indigene Bevölkerung mit eigenen Rechten und Traditionen zu stärken. Auch die Kinder erhalten Nachhilfeunterricht in den klassischen Schulfächern und zudem Unterricht in der Sprache der Eltern, mazahuá.

Wie erfolgreich die Zusammenarbeit der SiedlungsbewohnerInnen und die Unterstützung der CaritasmitarbeiterInnen ist, zeigen sie mir anhand eines Filmes, den Jugendliche der Gemeinschaft gedreht haben, um kulturelle Bräuche wie die Errichtung der Altäre für die Toten zu Allerheiligen fest zu halten.

Jungfrau von Guadalupe

Treiben lass ich mich auch von der Menge, die dem nationalen und kontinentalen Heiligtum zuströmen, um aufrecht oder auf Knien rutschend, Kind, Kreuz oder ein Blumengesteck tragend vor jenem Gnadenbild die Anliegen vorzubringen, das als „Jungfrau von Guadalupe“ eine spezielle Bedeutung weit über Mexiko hinaus trägt: Im Jahre 1541 soll dem nahuátl-Indigena Juan Diego, einer der ersten getauften Indígenas von Tenochtitlán, dem heutigen Mexiko-Stadt, die Gottesmutter Maria in Form einer jungen, dunkelhäutigen und schwarzhaarigen Frau erschienen sein und ihn beauftragt haben, bestärkt durch ein Zeichen vor dem damaligen Bischof, ihr eine Kapelle zu errichten. Nicht nur die jüngste Untersuchungen der NASA, die belegen, dass der Stoff des Mantels von Juan Diego, auf dem das Bildnis Mariens auf wundersame Weise erschienen ist, eigentlich bereits verwest sein müsste und die Farben nicht mit damaligen Techniken hergestellt werden konnten. Sondern die seit damals bezeugten Wunder und besonders der ungebrochene Strom der Pilgerschar sind beeindruckend und lassen mich bewegt zum Bildnis hochschauen und auch meine Anliegen der Gottesmutter vorbringen, während mich ein Rollband mit vielen anderen Gläubigen an diesem Bildnis vorbeifährt.

Treiben lasse ich mich auch von der Vielfalt der Ausdrucksweisen kirchlichen Engagements in der Arbeit unserer ProjektpartnerInnen für die Gläubigen, die Armen, die Entrechteten und die Indígenas. Ich genieße es, von den Erfahrungen und dem z.T. sehr hohen Reflexionspotenzial meiner GesprächspartnerInnen bereichern zu lassen, zuzuhören, meistens äußerlich zu nicken und manchmal innerlich den Kopf zu schütteln. Aber auch die Freuden und Hoffnungen, Sorgen und Kümmernisse vieler zu teilen und so die Buntheit und Katholizität kirchlicher Arbeit am Bau des Reiches Gottes näher kennen zu lernen.

Mexiko – ein Land, das mich mit seinen Reichtümern in den Bann gezogen hat und mich neugierig macht auf das, was mich bei den nächsten Reiseabschnitten mit den PartnerInnen von Adveniat erwartet: Oaxaca und Chiapas.

Text: Dr. Magdalena Holztrattner