Mexiko: Gefängnispastoral unter Beobachtung

Reiner Wilhelm, Mexiko-Referent bei Adveniat trifft Fray Carlos Mauricio Jiménez, den Leiter der Gefangenenseelsorge in Veracruz. Er berichtet über seine Arbeit und die Situation der Gefangenen.
Fray Carlos Jimenéz

Fray Carlos Mauricio Jimenéz. Foto: Parroquia Nuestra Señora de la Merced.

„Die Aufgaben der Gefangenenseelsorge in Veracruz sind: Begleitung der Gefangenen und Ex-Gefangenen und ihrer Angehörigen. Der Gouverneur von Veracruz ließ wegen der Spannungen unter den Gefangenen, die den verschiedenen Kartellen angehören, das Gefängnis schließen und es gut zwei Autostunden weit weg verlegen. Veracruz, die Hafenstadt des Landes, ist ein hart umkämpftes Einflussgebiet unter den Kartellen. Dies ist der Grund für die hohe Kriminalitätsrate und die vielen Morde. Auch die Kirche ist davon betroffen.

Zu einem Krankenbesuch gehe ich nur in Begleitung von einem Mitarbeiter der Gefangenenseelsorge oder der Pfarrei. Vorher lasse ich von den pastoralen Mitarbeitern überprüfen, ob es sich um eine Falle handeln könnte oder mein Dienst tatsächlich notwendig ist. Unser Team besteht aus ehrenamtlichen Mitarbeitern, aus Psychologen und Rechtsanwälten. Ich habe wiederholt Morddrohungen erhalten und einige Bekannte wurden umgebracht. Wir müssen vorsichtig sein.

Ein Gang in einem Gefängnis

In einem mexikanischen Gefängnis. Foto: Adveniat/Pohl

Es kommt darauf an, dass die Gefangenen nach ihrer Festnahme so schnell wie möglich einen Prozess bekommen oder freigelassen werden, insbesondere wenn es sich um Unschuldige handelt. Jeder Gefangene bekommt zwar einen Rechtsanwalt, der sich aber wegen der geringen Geldmittel nicht oder nur unzureichend um den Gefangenen und den Prozess kümmert. Strafen wegen Untätigkeit sind gering. Vielfach stehen auch andere Interessen und die Mafia dahinter, sodass Prozesse verschleppt werden.

85 Prozent der Gefängnisse Mexikos stehen unter der Gewalt der Mafia. Ab dem ersten Tag an müssen die Gefangenen dafür bezahlen, in Ruhe gelassen zu werden. „Pagar o plomo!“ – Zahlen oder Prügel bis hin zu Mord! Jede Familie hat das Recht, seinen Angehörigen zweimal die Woche zu besuchen. Da die Gefängnisse aber weitab liegen, ist es ihnen nur mit Mühe möglich, sie zu besuchen. Die Gefangenenseelsorge versucht ebenfalls so häufig wie möglich vor Ort zu sein, was aber wegen der Distanz nicht so einfach ist. Außerdem muss man mit mehreren Fahrzeugen fahren, was Benzin und Mautgebühren kostet, was nicht unerheblich ist.

Die Gefängnisseelsorge der Diözese ist den Behörden bekannt und steht unter Beobachtung des Staates. Man setzt sich nicht nur für die Gefangenen ein, man ist auch auf dem Gebiet der Verschwundenen aktiv geworden, hat die Möglichkeit geschaffen, anonym die Lage von Gräbern und Orten, an denen Morde stattgefunden haben, zu melden. Man hat eine DNA-Datenbank angelegt, um Opfer zu identifizieren. Auch diese Arbeit ist mit Risiken verbunden, da nicht jeder möchte, dass die Morde aufgeklärt und die Ermordeten identifiziert werden.“

Padre Carlos Mauricio Jimenéz im Gespräch mit Reiner Wilhelm.