Mexiko: Ihr Verbrechen ist, auf der Welt zu sein.

Mit bis zu 400 Menschen ist das Gefängnis in im nordmexikanischen Saltillo zu Spitzenzeiten belegt. Hauptsächlich Männer mittleren Alters, aber immer mehr Frauen und Kinder werden dort aufbewahrt. Natürlich ist es kein Gefängnis, denn auch das mexikanische Gesetz beurteilt den Aufenthalt ohne gültige Papiere nicht als Straftat. Aber die Mauern sind hoch, die Beamten zahlreich, die Trennung von Onkel oder Ehefrau schmerzhaft.

Ihre Tat: Sie sind auf der Suche nach einem besseren Leben. Ihr Ziel: In die USA zu kommen um ein bisschen Geld für ihre Lieben daheim zu verdienen; um nach oft jahrelanger Trennung ihre Eltern wiederzusehen. Dafür können sie nicht die notwendigen Papiere vorweisen. Und sie hatten Pech, sie wurden von der „Migra“ erwischt. Laut Vereinbarung zwischen Mexiko und den USA kümmern sich Erstere darum, die TransmigrantInnen abzuschieben.

ZentralamerikanerInnen haben´s gut, sie dürfen maximal 72 Stunden eingesperrt, verzeiht, aufbewahrt werden. Jene aus anderen Staaten der Welt müssen von ihren Botschaften anerkannt werden, um heim geschickt zu werden. Im Männertrakt gib es unter den vielen Latinos nicht wenige Inder, ein paar aus Äthiopien, immer wieder Chinesen. Der Weg um die halbe Welt ist ihnen nicht zu weit, die Qualen, zwei Kontinente durchqueren zu müssen, sind ihnen nicht zu schwer, um ins „gelobte Land“ zu kommen.

Die Enttäuschung in den Augen der Meisten ist groß: Der Traum ist geplatzt. Sie wurden erwischt. Sie werden zurück geschickt. Aber alle sind sich einig: Sie werden es wieder versuchen.

Die Frauen besticken Stofftäschchen mit einer Beamtin, die extra dafür eingesetzt wird. Die Jugendlichen singen bekannte Kirchenlieder mit drei alten Frauen, die als Freiwillige der katholischen Kirche zweimal die Woche für 2 Stunden die MigrantInnen besuchen dürfen; die Männer spielen Karten oder sitzen im Schatten vor ihren Schlafräumen.

Nelson, 17, hat einen Gips um den Oberkörper und an der rechten Hand. Er ist vom Zug gefallen, mit dem die TransmigrantInnen das nordamerikanische Land durchqueren, um an die Südgrenze der USA zu kommen. Nelson hat Glück gehabt, denn er ist nicht unter die Räder gekommen. Seine Hand wurde nicht operiert. Aber er ist zuversichtlich. Zwei Frauennamen zieren seine beiden Schultern: Der seiner Mutter und der seiner Oma. Zu ihnen wird er nach Honduras zurückkommen.

Daneben sitzt Edgar. Er ist 20. Der Rosenkranz um seinen Hals ist wohl eines seiner wenigen Besitztümer, die ihm geblieben sind. Er bittet Padre Pepe um seinen Segen. Andächtig, mit geschlossenen Augen und offener Seele nimmt er die Worte des Priesters auf wie ein ausgetrocknetes Bachbett die ersten Regentropfen. Die seelische Not ist groß im Gefängnis. Verzeiht, in der Aufbewahrungsanstalt.

Im Männertrakt bildet sich bald eine große Schar um die blonde Besucherin. Es wird gescherzt, ein schwarzer Honduraner legt los, einen Rap zu Ehren der „gringa“ zu singen. Die Stimmung ist energiegeladen, es wird gelacht. Aber die Wunden sind fühlbar. Anselmo kann ich Grüße von seiner Frau bringen, die im Frauentrakt gleich daneben sitzt und stickt. Noch bevor ich ausgeredet habe, dreht er sich weg und geht. Tränen in den Augen.

Nach 2 Stunden müssen wir wieder in die Freiheit. Die Jugendlichen winken uns durch die Gitterstäbe zu und schreien Grüße. Die Sonne brennt vor den hohen blauen Mauern. Wir sind in Freiheit. Aber die Seele brennt. Sie bleiben drinnen, weil sie ohne Aufenthaltspapiere auf der Welt sind.
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Magdalena Holztrattner ist Referentin für Mexiko und die Dominikanische Republik beim Lateinamerika Hilfswerk Adveniat. Mindestens einmal im Jahr bereist sie „ihre“ Länder, um die Probleme der Menschen und die Hilfen der Kirche vor Ort kennenzulernen.