Mexiko: In den Fängen der Kartelle

Der Bundesstaat Veracruz wird beherrscht von Gewalt und Kriminalität. Was dagegen getan wird, erfährt Adveniat-Referent für Mexiko, Reiner Wilhelm, während seiner Projektreise.
Eine nur schwach beleuchtete Straße bei Nacht.

Eine Straße bei Nacht in Veracruz. Foto: Nacho Betancourt. CC BY-NC-ND 2.0

„Veracruz ist voller Leichen“, sagte mir Padre Julián Verónica, Leiter der Sozialpastoral des mexikanischen Bundesstaates Veracruz. 15 Massengräber mit tausenden Leichen seien gefunden worden. Viele Angehörige suchen ihre vermissten Verwandten. Verantwortlich ist das organisierte Verbrechen, zu 80 Prozent aber Sicherheitskräfte wie Polizei und Militär. Die Korruption ist überbordend. Vielfach ist es gefährlich, nach den Toten zu suchen. Die Kirche ist hier engagiert, insbesondere bei der Suche und Identifikation von Verschwundenen. Dabei stehen auch die Verteidiger der Menschenrechte in Gefahr, selbst Opfer von Gewalt zu werden. Leiter von Gemeinden und Führer von Gruppen werden entführt, gefoltert und umgebracht. Ein wirksamer Schutz besteht nur darin, Öffentlichkeit zu erzeugen. Aber dieser Schutz ist nicht umfassend. Die Kirche wird immer noch respektiert, wenn auch der Blutzoll von Priestern, Ordensleuten und engagierten Laien hoch ist. Die Sozialpastoral sieht ihre Aufgabe darin, das soziale Netz wieder herzustellen und in den Konflikten zu moderieren.

Aufgabenschwerpunkte der Sozialpastoral sind die Begleitung der Opfer von Gewalt und ihre Angehörigen, die Aufklärung von Vermisstenfällen und die Migrantenseelsorge. Außerdem wird den Kleinbauern beim Aufbau einer alternativen, solidarischen Ökonomie geholfen. Bei Großprojekten wie Staudämmen oder dem Bergbau wird auf die Konsequenzen aufmerksam gemacht und den Gemeinden in ihrem Widerstand geholfen. Daneben kümmern sie sich um Gefangene und begleiten Kranke. Viele Familien überschulden sich bei Krankheitfällen und hinterlegen als Bürgschaft Besitztitel ihrer Äcker und Häuser, was existentielle Konsequenzen hat. Allzu oft besteht die Gefahr, dass Mitarbeiter oder die gesamte Arbeit kriminalisiert werden.

Die Kirche hat eine große Glaubwürdigkeit und ist die Organisation, denen die Menschen vertrauen. Damit einher geht eine hohe Verantwortung. Aber nicht alle Gemeinden und Priester öffnen ihre Kirchen oder Kapellen und mischen sich ein. Es herrscht eine große Angst. Aufgabe der Seelsorge ist es, diese Angst zu überwinden. Es ist eine große Aufgabe.


Reiner WilhelmReiner Wilhelm ist Mexiko-Referent
beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.
Zurzeit befindet er sich auf Projektreise in Mexiko
und berichtet von vor Ort.

 

 

 

 

Foto: Nacho Betancourt. CC BY-NC-ND 2.0