Mexiko: Jeder Migrant riskiert sein Leben

140 Hände schnellen in die Höhe, großes Gelächter füllt den Saal. Ob auch Hondureños unter ihnen seien, hat Pater Pedro gefragt. Und neben einem Nicaraguaner, fünfzehn Salvadorianern und zehn Guatemalteken sind es die 80% Honduraner, die derzeit in der Casa Belén (Haus Betlehem) Unterschlupf finden. Tag und Nacht können sie an die Tür der Herberge klopfen, bekommen etwas zu essen, eine Dusche, frische Kleider, erste medizinische Versorgung und vor allem eine Matratze, um sich nach der 16 bis 24-tägigen Reise durch Mexiko endlich wieder einmal ausruhen zu können. Wenn die Neuankömmlinge ausgeschlafen haben, werden sie registriert und sofern sie davon erzählen wollen, wird ihr Leid dokumentiert.

In der Herberge von Saltillo haben die vielen dunkelhäutigen Männer und die paar Frauen endlich Ruhe vor der ständigen Verfolgung. Kriminelle Banden, die Organisierte Kriminalität und auch die mexikanische Polizei und Migrationspolizei sind hinter ihnen her. 80% aller Transmigranten werden auf ihrem langen Weg durch Mexiko in die USA mindestens einmal von der Organisierten Kriminalität oder auch der Polizei erpresst. Ob er so was auch kenne, frage ich einen 17-Jährigen Honduraner. Er schaut ins Leere, bevor er mit dem Kopf nickt. 4.000 US-$ habe seine Familie damals bezahlt, damit er mit dem Leben davon kommt. Und seinen Weg in den Norden fortsetzen kann.

Frauen, die alleine reisen, haben es besonders schwer. Sie werden nicht selten von Militärs aus der Gruppe gefischt und für einen Tag entführt. Irgendwann werden sie irgendwo an der Bahnstrecke wieder frei gelassen. Was mit ihnen in der Zwischenzeit passiert, will ich mir gar nicht vorstellen…

Die meisten der Frauen, so erzählt Schwester Lupe, die Hauptamtlich in der Casa Belén arbeitet, lassen sich daher vor Antritt der schweren Reise die Dreimonatsspritze geben, damit sie wenigstens nicht schwanger werden, wenn ihnen schon Schlimmes passiert. Die Frauen wissen, was auf sie zukommt, wenn sie den Weg in „das gelobte Land“ beginnen und rechnen mit dem Schlimmsten. Von ihren Weggefährten werden sie meistens geschützt, die Männer passen auf sie auf. Die Narcos, die Organisierte Kriminalität und die mexikanischen Beamten aus Polizei und Militär machen es sich jedoch anscheinend zum Sport, Migrantinnen zu vergewaltigen. Was sagt der Staat dazu? Nachdem die wenigsten MigrantInnen die Verletzungen ihrer Menschenrechte öffentlich anzeigen und es in Folge keine offiziellen kriminalistischen Untersuchungen gibt, können diese Dinge ja nicht passiert sein.

Die Migranten zentral- und südamerikanischer Herkunft sind Freiwild. Für die Organisierte Kriminalität ein Meer an potenziellen Geldquellen, Drogenkurieren und Auftragsmördern. Für die mexikanische Polizei und Militär mindestens die Quelle für eine Gehaltsaufbesserung. 22.000 MigrantInnen wurden allein im Vorjahr entführt. Das sind zu mindest die Zahlen, die in den 57 kirchlichen Herbergen gesammelt wurden.

Die gute Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit der kirchlichen Heime ist dem Staat ein großer Dorn im Auge. Denn ständig wird publik gemacht und auch vor dem Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte angezeigt, dass der Staat seine Pflicht nicht erfüllt, sondern die Menschen schutzlos den Gefahren ausgesetzt lässt, die den MigrantInnen auf dem Weg lauern. Deshalb wird die Arbeit in den Migrantenheime immer wieder kriminalisiert und die Häuser sind immer wieder Ziel von Anschlägen. So ist ein wichtiger Teil der Arbeit der 5 Hauptamtlichen des Hauses auch, die Arbeit der Verteidiger der Menschenrechte zu verteidigen.

„Hier in Saltillo werde ich so gut behandelt wie ich es auf dem ganzen Weg noch nicht erlebt habe“, sagt ein wohl vierzigjähriger Salvadorianer. „Hier ist es sauber, wir bekommen genug zu essen und die Schwester, der Padre und die anderen sind sehr nett zu uns.“ Wann er die Reise fortsetzen wird, frage ich ihn. Er weiß es nicht. Er wartet auf den erlösenden Anruf seines Bruders aus den USA. Der kommt, wenn dieser das notwendige Geld und einen vertrauenswürdigen Kojoten aufgetrieben hat. Den heutzutage ist der Übertritt über die Grenze als mojado, als Undokumentierter, als Mensch ohne Visum für die USA quasi unmöglich. Nicht nur die gefürchtete Migra, die mexikanische Migrationspolizei und die us-amerikanische Border Patroll schützen die Grenze, auch die Organisierte Kriminalität „hilft“ den Beamten, den Übergang in die USA zu erschweren. Die Zetas sind es hier im Norden von Coahuila, die entweder ein „Weggeld“ von derzeit 300,- US-$ verlangen, oder aber die Migranten eben entführen und erpressen. Oder verschwinden lassen oder….ich will es mir schon wieder nicht vorstellen müssen.

Da ist es besser die Kosten für einen guten Kojoten zu zahlen, um sicher und heil auf die andere Seite zu kommen. 4.000,-US-Dollar kostet so einer derzeit. Wer das Geld nicht auftreiben kann, kann ja wieder heimfahren. Eine Entscheidung, die in Saltillo getroffen werden sollte. Die Herberge gibt Platz und Zeit dafür.

María lebt schon seit langer Zeit in Miami. Sie ist vor vielen Jahren als mojada eingereist und hat ihre vier Kinder nachkommen lassen. 40.000,- US-$ hat sie das damals gekostet. Jetzt ist sie allein unterwegs. Die us-amerikanischen Behörden hatten sie erwischt – natürlich ohne Aufenthaltspapiere. Und abgeschoben. Nach Honduras. Dort kann sie nicht bleiben, ihre Familie ist ja in Miami. Also hat sie sich auf den Weg gemacht. Sie ist jetzt schon zwei Mal deportiert worden, ist also schon das dritte Mal auf dem Weg. Als mojada. Ihr Gesicht ist hart, undurchdringbar. Sie will eigentlich nicht viel reden. Woher sie das Geld für den Kojoten nimmt, kann ich mir an einer Hand ausrechnen. Und wie angenehm diese Reise als Freiwild durch Mexiko ist, davon sprechen ihre Augen Bände.

An die Wand hinter den Uno-spielenden Männern ist ein Bild gemalt. Eine Reihe von Migranten, die von der Migra erwischt worden sind und abgeführt werden. Einer von ihnen hat ein weißes Gewand an, lange Haare, eine Dornenkrone. Joh. 1,14 steht darunter: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Gott, der sich in Jesus mit den Ausgegrenzten, Vergessenen, Vergewaltigten, Ausgebeuteten, Erpressten, Geschlagenen, Rechtlosen…identifiziert. Das ist es, was die Kirche an vielen Orten Mexikos motiviert, sich für die MigrantInnen einzusetzen: In ihnen erkennen sie Jesus Christus wieder. Der Einsatz für die Migranten ist ihnen zum Ort für das Ankommen des Reiches Gottes geworden. Viele Menschen geben so ein Zeugnis ihres Christseins ab – in der Arbeit in den Herbergen, wenn sie als Nachbarn auf die Ausländer achten und sie schützen, wenn sie ihnen am Weg Essen und Kleider in Plastiktüten auf den Zug werfen. Auf Ebene der Bischöfe gibt es in Mexiko wenige Zeugnisse gelebten Christentums in dieser Hinsicht. Und auch die zentralamerikanischen Bischöfe, so P. Pedro, überlassen das Problem den Mexikanern, die eh was für die Migranten tun, zitiert er und weist vielleicht indirekt darauf hin, dass sich die Bischöfe durch Abschieben und Nichtbeachtung des Problems, durch fehlende prophetischen Mahnungen gegenüber den staatlichen Gewalten vor Gott und den Mitmenschen zumindest wegen Unterlassener Hilfestellung werden rechtfertigen müssen.

Die Migranten riskieren ihr Leben, um anderen zu einem besseren Leben zu verhelfen. Der sehr ernste Blick in ihren schwarzen Augen spricht davon. Aber auch Lachen und Fröhlichkeit, Achtsamkeit und Respekt sind kennzeichnend für die Migranten. Mit ihnen zu scherzen, sie zum Lachen zu bringen ist nicht schwer. Auch dann, wenn ich mich in die lange Schlange derer einreihe, die auf das Mittagessen wartet. Wenn ich mich mit ihnen an den Tisch setzt um den Reis und die Soja, die es heute gibt zu teilen. Oder wenn ich mit ihnen ratsche, während sie vor der Telefonzelle sitzen und warten, bis sie an der Reihe sind. Um ihren Lieben mitzuteilen, dass sie noch leben.

Viele warten auf den erlösenden Anruf. Gerade spreche ich mit Schwester Lupe, da klopft Héctor an die Tür. Er schaut nur kurz rein, sagt, er gehe jetzt. „Gehst du sicher?“, fragt Schwester Lupe? „Ja!“, sagt er – und eine verhaltene Freude strahlt in ihm auf. Zwei Monate hat er auf den Anruf gewartet, zweimal wollte ein falscher Kojote ihn mitnehmen. Jetzt stimmen alle Sicherheitspunkte überein, sein Onkel hat den Kojoten bezahlt und der ist gekommen. Héctor grüßt kurz, bedankt sich für alles und ist weg. Hoffentlich kommt er nicht wieder hierher zurück.

Text und Fotos: Magdalena Holztrattner