Delegation: Mit Musik Zukunftschancen eröffnen

Im Gemeindesaal der Pfarrei San Felipe in Asunción herrscht gespannte Aufmerksamkeit. Rund 70 junge Musiker, Mädchen und Jungen, haben sich mit ihren Saiteninstrumenten aufgereiht, um uns ihr Können zu beweisen. Und sie bringen es stolz zu Gehör. „Die Musik hat das Leben in unserem Barrio verändert“, sagt Angelica Viveros, die Koordinatorin des Projektes in der Pfarrei. „Die Kinder haben etwas, das ihnen zeigt: Ich bin zu etwas fähig, ich kann etwas, und es macht Spaß.“

Bischof Karl-Heinz Wiesemann mit Angelica Viveros (Mitte), der Koordinatorin von "Sonidos de la Tierra" in der Pfarrei San Felipe.

Bischof Karl-Heinz Wiesemann mit Angelica Viveros (Mitte), der Koordinatorin von "Sonidos de la Tierra" in der Pfarrei San Felipe.

San Felipe ist eine Pfarrei in einem Armenviertel am Río Paraguay. Der Fluss ist über die Ufer getreten und hat weite Teile der Pfarrei überschwemmt. Unser Wagen muss durch knietiefe Seen fahren, die sich auf den Straßen gebildet haben. Mehr als 2.000 Familien sind betroffen, einige mussten ihre Häuser räumen. Padre Pedro Velasco, ein spanischer Priester, der seit 43 Jahren in Paraguay wirkt, erinnert sich an noch schlimmere Überschwemmungen. Mehr als zwei Meter habe 1983 die ganze Pfarrei unter Wasser gestanden, erinnert er sich. Dennoch kehrten die Leute zurück, bauten ihre Häuser wieder auf. „Wo sollen sie denn hin“, fragt er. „Den Armen bleiben nur die Häuser am Fluss, die Reichen wohnen auf den Höhen.“

Die Armut ist hier in Paraguay allgegenwärtig, denn das, was das Land erwirtschaftet, bleibt zum größten Teil in den Händen von nur 10% der Bevölkerung. Für die Übrigen gibt es von allem zu wenig: zu wenig Arbeit, zu wenig Bildung, zu wenige Chancen. Nur eines gibt es im Überfluss: Müll. Aus den Wohlstandsabfällen der Reichen bauen sich die Armen Hütten, Möbel, Eselskarren. Auch die Bewohner von San Felipe arbeiten als Müllsammler. Gleich nebenan wächst eine riesige Mülldeponie gen Himmel.

Die Hoffnungslosigkeit lässt viele resignieren. Jugendliche brechen die Schule ab, sie sehen keine Perspektive, werden zu früh Eltern: ein Teufelskreis verpasster Chancen. Die Initiative „Sonidos de la Tierra“, zu Deutsch: „Klänge der Erde“, begeistert viele Jugendliche aus den Elendsvierteln der Städte und den abgelegenen Dörfern auf dem Land. Mit einem einzigartigen Konzept: Musikschulen laden die Mädchen und Jungen ein, die Freude und den Erfolg selbstgemachter Musik zu erleben. Durch das regelmäßige Musizieren lernen die Jugendlichen, an sich selbst zu glauben.
„Sonidos de la Tierra“ wurde 2002 durch den Leiter der Symphonie und Philharmonie von Asunción, Luis Szarán, gegründet. Der international ausgezeichnete Dirigent stammt selbst aus armen Verhältnissen, und er kann begeistern, das beweist uns die Begegnung mit ihm.
Seit der Gründung der Initiative wurde Bewundernswertes geschafft: Rund 160 Musikgruppen konnten gegründet werden, insgesamt 10.000 Jugendliche wurden inzwischen erreicht und eingebunden. Sie bilden Lerngruppen, in denen Talente entdeckt und gefördert werden – gleichzeitig werden christliche Werte wie Gemeinschaftssinn, Engagement für Benachteiligte, Gewaltlosigkeit und Hingabe gelebt. Viele der Musikschüler gestalten die Liturgie in ihren Gemeinden mit. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Zielstrebigkeit verbessern sich, weil sie durch die intensive Begleitung und Förderung lernen, dass selbst unter schwierigsten Bedingungen positive Veränderung möglich ist.

„Danke, dass sie von Deutschland aus dieses Projekt unterstützen“, sagt Angelica Viveros im Gemeindesaal von San Felipe. Adveniat hat „Sonidos de la Tierra“ mehrfach in Projekten unterstützt.

Bischof Karl-Heinz Wiesemann