Brasilien – Mittelalter bei der künftigen Weltmacht

Wenn Politologen über die Länder sprechen, die das 21. Jahrhundert prägen werden, fällt neben China, Russland und Indien auch immer der Name Brasilien. So charismatisch Präsident Lula, so schön Rio und so kosmopolitisch und modern São Paulo auch sein mögen – in der  Provinz herrschen oft mittelalterliche Zustände. Der Bundesstaat Maranhão ist ein erschreckendes Beispiel. Das sechs Millionen Einwohner zählende Bundesland am Tor zum Amazonas wird seit über 40 Jahren von der gleichen Familie beherrscht, den Sarneys. Straßen, Schulen, Gebäude tragen ihre Namen. Ihnen gehören Medienkonzerne, Ländereien, Universitäten und Bauunternehmen. Maranhão ist das zweitärmste Bundesland, trotz Sojaanbau, Häfen, Aluminiumkonzernen. “ Aber die zahlen wenig Steuern, verschmutzen die Umwelt und exportieren die gesamte Produktion. Die Bevölkerung hat nichts von diesem Reichtum”, sagt Marta Bispo von der Landpastorale.

In der Hauptstadt São Luis gibt es vielerorts nicht mal eine Kanalisation, viele Menschen leben  in Lehmhütten, auf dem Land werden die Tagelöhner versklavt, und wenn sie ein Stück Erde besetzen, von bewaffneten Schutztruppen der Fazendeiros vertrieben. Dem Ganzen überdrüßig erteilte die Bevölkerung den Sarneys bei der letzten Wahl einen Denkzettel. Roseana Sarney, Tochter des Ex-Präsidenten und aktuellen Senatspräsidenten José Sarney, verlor gegen den Kandidaten der linken Arbeiterpartei PT von Präsident Lula. Doch die Familie gab nicht auf, zog vor das örtliche Gericht, in dem ausschließlich den Sarneys eng verbandelte Juristen sitzen – und erreichte wegen angeblichen Wahlbetrugs ihr Ziel: Per Gerichtsbeschluss wurde Roseana doch noch Gouverneurin. Lula schwieg. Er braucht im Bundesparlament die Stimmen der PMDB, der Partei Sarneys, um zu regieren. “Wir wurden geopfert, die Demokratie landete im Mülleimer”, sagt der PT-Abgeordnete Vadinar Barros bitter. Alltag in der Provinz.