Nationalfeiertag: Nossa Senhora da Aparecida

Die Wallfahrtskirche in AparecidaEs ist Nationalfeiertag in Brasilien. Denn heute ist der Patronatstag der Muttergottes von Aparecida, „ Nossa Senhora da Aparecida“. Sie ist die Schutzpatronin Brasiliens, und deshalb sind der kirchliche Feiertag und der Nationalfeiertag eins.

Und irgendwie gehen an diesem Tag Kirche und Staat Hand in Hand. Denn unter den hunderttausenden Pilgern aus ganz Brasilien sind auch Dutzende Politiker, die in das Heiligtum von Aparecida gekommen sind.

Die Adveniat-Delegation ist im Priesterseminar der Erzdiözese Aparecida untergebracht, und dort hörte man am Morgen die Hubschrauber, die den Gouverneur des Bundesstaates São Paulo, den Präsidentschaftskandidaten der Konservativen, die Abgeordneten in der Nationalversammlung und andere aus dem gut zweieinhalb Autostunden entfernten São Paulo in wenigen Minuten in den Wallfahrtsort brachten.

Der Kardinal von Belo Horizonte, Dom Serafim Fernandes de Araújo, leitet den Gottesdienst an Stelle des Erzbischofs von Aparecida, den der Papst zu einer Synode in den Vatikan gerufen hatte, und der greise Kardinal begrüßt vor den Bischöfen die wichtigsten Vertreter der Republik Brasiliens, die mit lautem Beifall von den rund 50.000 Menschen, die in der Basilika Platz gefunden haben, bedacht werden. Und es sind Politiker, die als Lektoren dienen, und es ist die Frau des Präsidentschaftskandidaten José Serra, die eine Statue der Muttergottes überreicht bekommt. Frau Serra ist gebürtige Chilenin, und der Rektor der Wallfahrt in Aparecida, Padre Darci, betont, sie möge diese Statue nach Chile zu den Bergleuten bringen und ihnen versichern, dass man hier in Aparecida täglich für sie gebetet habe. Zustimmend schwenken die Menschen in der Basilika die Fähnchen, die sie anfangs erhalten haben.

Der Gottesdienst dauert zwei Stunden, und vor seinem eigentlichen liturgischen Beginn wird die Nationalhymne gesungen. Die Statue der „Nossa Senhora da Aparecida“ , eine kleine Holzfigur, im 18. Jahrhundert von Fischern im nahen Río Paraiba gefunden, ist mit einem Mantel umhüllt, den auch die brasilianische Flagge ziert. Brasilien ohne Nossa Senhora – das wäre undenkbar.

Doch es ist Wahlkampf, am 31. Oktober entscheidet eine Stichwahl über den Nachfolger von Präsident Lula da Silva, und daher war gestern die Kandidatin der Arbeiterpartei, Dilma Rousseff in Aparecida, und daher ist heute der Kandidat der Konservativen, José Serra im Hauptgottesdienst zu Gast. Dutzende Kameras richten sich auf ihn und seine Frau.

Gottesdienst in Aparecida am Feiertag \Als die Bischöfe und Priester in einer langen Prozession ausziehen, regnet es blinkendes Konfetti aus der Kuppel. Brasilianer haben andere Maßstäbe an den Rahmen einer Liturgie als wir nüchternen Europäer. Und sofort folgen die Politiker den Kirchenmännern auf dem Weg in die Sakristei, sie schütteln Hände, lassen sich vom Kirchenvolk feiern. Und in der Sakristei warten schon die Kameras auf das Bild des Kandidaten mit dem Kardinal, und dazu gesellen sich bekannte Schauspieler aus den „Telenovelas“ und berühmte Sänger. Der Feiertag in Aparecida ist auch ein gesellschaftliches Ereignis.

Als die Politiker den Ort längst verlassen haben, beginnt das Volk die Prozession durch die Straßen der 35.000 Einwohner zählenden Stadt. Sie beten für eine bessere Zukunft, und sie beten auch dafür, dass Brasilien verantwortungsvolle Politiker wählen möge.

Übrigens: Mehr über Aparecida und die Wallfahrt auf der brasilianischen Internetseite www.arquidioceseaparecida.or.br

Text: Christian Frevel

Fotos: Nicole Cronauge