Nicaragua: José? Maria? Oder Circuncisión

Den richtigen Namen für sein Kind zu finden, ist oft nicht einfach. Häufig diskutieren werdende Eltern in Deutschland monatelang darüber, wie ihr Spross heißen soll. Einige kaufen sogar Namens-Bücher und studieren hunderte Seiten lange Listen mit Vorschlägen von Adrian bis Zorro.

Hier noch eine eher klassische Variante.

In Nicaragua, vor allem in ländlichen Gebieten, ist die Namensfindung dagegen oft ganz einfach. Ein Blick auf den Kalender im Wohnzimmer genügt: Neben dem Datum steht dort immer auch der Tagesheilige. Wer also am 4. Oktober geboren ist, heißt automatisch Francisco oder Francisca, am 29. September wird das Neugeborene auf den Namen Gabriel oder Gabriela getauft.

Das ziehen viele Eltern konsequent durch. Auch wenn der Geburtstag des Sohnes auf den Tag einer weiblichen Heiligen fällt und es keine männliche Namens-Variante gibt. Dann wird der Junge eben Guadalupe, Mercedes oder Gertrudis genannt. Doch damit nicht genug. Immer wieder trifft man in Nicaragua auf Menschen, die Asunción (Himmelfahrt), Encarnación (Fleischwerdung), Trinidad (Dreifaltigkeit) oder Purificación (Läuterung) heißen. Wer am 1. Januar, geboren ist hört auf Circuncisión – denn, so steht es im Kalender, der erste Tag des neuen Jahres erinnert an die Beschneidung Jesu.

Doch die Gewohnheiten bei der Namensgebung ändern sich. Während sich in Deutschland die Eltern von Hollywood-Stars inspirieren lassen, ihre Kinder Apple (Apfel), Lourdes oder Paris nennen, suchen auch die nicaraguanischen Eltern immer öfter nach einem individuellen Namen für ihren geliebten Nachwuchs: „Wenn die Menschen ein Wort besonders mögen, wenn es sich ihrer Meinung nach modern oder irgendwie cool anhört, taufen sie ihr Baby so“, erklärt mir Ordensbruder José Francisco.

Ein Vater ließ seine jüngste Tochter als „Usnaví“ ins Familienstammbuch eintragen. Der Grund: Auf sein Lieblings-T-shirt war ein Aufnäher der amerikanischen Streitkräfte, der „US-Navy“, genäht. Ein anderer Bauer in der Nachbarschaft hatte Gefallen an ‚Admón‘, gefunden. Das Wort hatte immer wieder auf staatlichen Projektplakaten am Wegesrand gelesen. Das muss ein wichtiger Mann sein, dachte sich der Vater. Ein guter Namenspatron. Dass ‚Admón‘ schlichtweg die Abkürzung für ‚Administración‘ ist, erfuhr er erst als der kleine ‚Admón‘ schon laufen konnte… Nomen est Omen? Vielleicht wird der Kleine ja eine Beamtenlaufbahn einschlagen?!

Einmal jedoch fühlte sich der Priester einer Nachbargemeinde gezwungen, bei der Namensgebung einzugreifen: Eine Mutter wollte ihr Kind auf den Namen „Scheisse“ taufen. Wie sie denn auf diese absurde Idee gekommen sei, wollte der Geistliche wissen. Er hatte im Studium einige Brocken Deutsch gelernt. Die Antwort der Frau war einfach: Wochenlang waren drei Mitarbeiter einer deutschen Hilfsorganisation in ihrem Dorf zu Gast gewesen, um ein Brunnenbauprojekt zu realisieren. Sie waren sehr freundlich, nett zu den Kindern und sehr großzügig, erzählte die junge Mutter. Und wann immer die Männer am neuen Brunnen zusammen standen, riefen sie laut: Sch…

Gaby Herzog (Text), Achim Pohl (Bild)