Nicaragua: Stein reich

Alberto Juans Vater hatte unrecht. Ein Großteil des Landes, das die Familie seit Generationen bewirtschaftet, besteht aus kargen Felsen. Von ganz oben hat man zwar einen schönen Ausblick über die hügelige Landschaft bis zu den Vulkanen, aber aus wirtschaftlicher Sicht seien die Steine nichts wert, da war sich der Papa sicher.

Alberto der Bildhauer in Nicaragua

Alberto der Bildhauer

Eines Tages, Alberto war gerade 31 Jahre alt geworden, sah er bei der Ananasernte am Berghang hoch zu dem großen überhängenden Felsen. „Mir kam es vor, als würde mir da ein Adler mit einem spitz gebogenen Schnabel entgegen schauen“, erinnert er sich. Er besorgte sich einen Meißel und machte sich daran, der Natur etwas nachzuhelfen. Als er fertig war und einen stolzen Vogel mit weit ausgebreiteten Flügeln in den Felsen gehauen hatte, war Alberto so begeistert, dass er mehr wollte. Ein paar Meter weiter entdeckte er einen Vorsprung, geschwungen wie eine Schlange. Alberto ging erneut ans Werk…

…Und hörte nie wieder auf. Drei Stunden am Tag, morgens zwischen sechs und neun Uhr, verewigt er seine Ideen: Elefanten, Helikopter, Ziegen, Bücher, Palmen, spanische Kolonialherren. Kein Stein rund um seine Hütte, der nicht behauen ist. Und es gibt viele Steine: große Felsen und einzelne kleinere, die zufällig verstreut zwischen den Ananasstauden und den Kaffeesträuchern liegen. „Das Bildhauen ist mein ganzes Glück“, sagt Alberto und tätschelt liebevoll den Rücken einer steinernen Schildkröte. „Ich habe nie geheiratet, habe keine Kinder. Doch mit meinen Skulpturen schaffe ich etwas für die Ewigkeit.“

Seine Kunstwerke aus Stein sind sein Vermächtnis

Seit 35 Jahren schafft er Kunstwerke aus Stein

Viele Jahre war Alberto ein einsamer Künstler ohne Publikum. Sein Land, auf dem er mit der Familie seiner Schwester wohnt, liegt in den Bergen, in El Jacalate, knapp zwei Autostunden entfernt von Nicaraguas Hauptstadt Managua. Die Hütte des 66-Jährigen erreicht man nur zu Fuß. Von einen Feldweg führt ein schmaler Trampelfad zwei Kilometer querfeldein, dann geht es weiter den Berg hinunter bis zu einem kleinen Bananenhain, dort beginnt der Grund der Familie. Irgendwann kamen immer mehr Menschen, die sehen wollten, was der ‚verrückte Alte‘ mit den drahtigen weißen Haaren da macht. 23.602 Besucher aus 37 Ländern waren in den vergangenen 33 Jahren da, erzählt Alberto stolz. Dann überlegt er kurz: „Mit euch sind es 23.604“, stellt er zufrieden fest und überreicht uns feierlich ein Schulheft mit vielen Eselsohren. Das Gästebuch.

Als es dunkel wird und wir uns auf den Rückweg machen, bittet uns Alberto noch einen Moment zu warten. Er verschwindet in seiner Hütte und kommt wenig später mit einem hübschen, handgemeißelten Aschenbecher aus marmoriertem Stein zurück, den er uns für ein paar Cordoba anbietet. Als wir zahlen und uns verabschieden, winkt Alberto uns fröhlich mit den Scheinen in der Hand nach. Er hat es geschafft. Er hat seine Steine zu Geld gemacht!

Text: Gaby Herzog, Fotos: Achim Pohl