Oscar Niemeyers kurviges Rio

Wer Rio de Janeiros Schönheit in seiner ganzen Vollkommenheit verstehen will, muss sich in die Luft begeben. Genau das machen wir an diesem sonnigen Tag, der so anders enden soll als er begann. Der silbergraue Hubschrauber hebt uns in die Höhe, schon schweben wir über der Rodrigo-de-Freitas-Lagune, sehen den größten schwimmenden Weihnachtsbaum der Welt unter uns verschwinden. Es geht über den Strand von Ipanema hinaus auf das Meer, Segelboote ganz nah, Containerschiffe weit weg am Horizont.

Der Graphiker Gustavo Huguenin - er hat das Logo für den WJT entworfen.

Türkisblau leuchtet uns der Atlantik an manchen Stellen entgegen, tiefes Blau weiter draußen. Davor der gelbe Sand, die Menschen darauf nichts als kleine Winzlinge. Im Hintergrund das saftige Grün der Wald bestandenen Hügel der Stadt. Gelb-Grün-Blau sind die Farben der brasilianischen Flagge, und daran angelehnt hat sich auch das Logo des Weltjugendtages (WJT), der im Juli inmitten dieser Traumkulisse stattfinden wird. Es ist in der Form eines Herzens gestaltet, mit einem blauen unteren Rand, der an die in Gelb gehaltene Christusstatue grenzt wie das Meer an den Strand. Die beiden Höcker, die das Herz vollenden, sind in Grün gehalten, wie die Tafelberge um die wir gerade Richtung Cristusstatue kurven.

Diese Kurven der Hügel, des Küstenverlaufs und, natürlich, der weiblichen Schönheiten an den Stränden der Stadt inspirierten den hier geborenen Stararchitekten Oscar Niemeyer zu seinen Meisterwerken. Die Kurve sei die ideale Verbindung zwischen zwei Punkten, und nicht die Gerade, lehrte der Meister stets. Auf der Rio gegenüber gelegenen Seite der Guanabarabucht kreisen wir über Niemeyers Spätmeisterwerk, dem Museum für zeitgenössische Kunst, kurz MAC genannt. Wie ein gerade gelandetes Ufo steht es auf einem Hügel hoch über dem Wasser. Modern und gleichzeitig zeitlos klassisch – wer das zusammen bringen kann, der muss Rio verstanden haben.

Die Berge und Hügel, dazwischen der Häuserdschungel. Dicht bis zur schieren Undurchdringlichkeit. Gut 2 Millionen Pilger werden sich zum WJT hier drängeln. Aber sie werden vor allem staunen ob der kaum in Worte zu fassenden Schönheit dieser Stadt. Am siebten Tage ruhte Gott nicht, wie behauptet, sondern schuf Rio, witzeln die stolzen Bewohner gerne. Man kann ihnen nicht widersprechen. Alles scheint zu fließen, alles scheint in Bewegung zu sein, wie Wellen aus Fels und Wald, Sand und Wasser. Niemeyer war zeitlebens fasziniert von seiner Stadt, übertrug ihre fließenden Formen in seine Architektur.

Am Horizont ziehen dunkle Wolken auf, gut dass wir landen. Aber es regnet nicht. Nicht heute. Während wir am Abend noch über unser einmaliges Flugerlebnis erzählen, kommen traurige Meldungen über die Newsticker. Niemeyer ist tot, 10 Tage vor seinem 105 Geburtstag. Das Leben ist ein einziger Atemzug, sagte er stets. Zuletzt fiel ihm das Atmen schwer, bis es ihm schließlich unmöglich wurde. Was bleibt sind seine Bauwerke, die auf so beeindruckende Weise Rios Einzigartigkeit in alle Welt hinausgetragen haben. Die Pilger des Weltjugendtages werden sich bald schon persönlich ein Bild davon machen können.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher