Paraguay: Die “Transchaco” und der “Bischoff Überall”

Bischof Lucio Alfert mit seinem Geländewagen unterwegs im Chaco.

Bischof Lucio Alfert mit seinem Geländewagen unterwegs im Chaco.

Der Regen kommt mit aller Macht. Endlich! Erdrückende 40 Grad hatten seit Tagen über dem paraguayischen Chaco gelegen, jeder Schritt in der grellen Sonne ist eine kleine Tortur. Doch jetzt prasseln dicke Tropfen auf die staubige Erde, die zuvor von der intensiven Sonne ausgetrocknet und hartgebacken worden war.

Die Transchaco, eine erst vor wenigen Jahren asphaltierte und trotzdem schon löchrige Piste, verwandelt sich in reinstes Aquaplaning. Nachdem er bereits in den Stunden vor dem Regen hunderten Schlaglöchern ausweichen musste, heisst es für Bischof Lucio Alfert nun, den Wagen trotz Wassermassen in der Spur zu halten. „Ich habe mal nachgerechnet, auf der Transchaco bin ich schon rund 1,5 Millionen Kilometer gefahren.” Bischof Alfert grinst und bleibt ruhig.

Auf unserer letzten Etappe der Reise sind wir im Chaco angekommen, einer nahezu menschenleeren Buschlandschaft im Herzen Südamerikas. Von der Hauptstadt Asunción aus sind es 500 Kilometer über die Transchaco bis nach Mariscal, wo Bischof Alfert zuhause ist. Wenn man es so nennen kann. 125,000 Quadratkilometer groß ist seine Diözese, etwa so groß wie die frühere DDR. Dabei leben hier lediglich 75.000 Menschen, darunter rund 40.000 Katholiken, über kleine Städtchen und Dörfer verteilt. “Wenn man hier arbeiten will, muss man stets unterwegs sein.”

Bischof Lucio hat die Tochter der Familie Romero auf dem Arm.

Bischof Lucio hat die Tochter der Familie Romero auf dem Arm.

Und so zieht der aus der Nähe von Münster stammende Bischof bereits seit 27 Jahren rastlos durch den Chaco. Seit 40 Jahren arbeitet er nun schon in Paraguay, seit 1986 steht er der riesigen Diözese vor. “Mir macht das viele Reisen nichts, im Gegenteil, man muss es zum Meditieren und Reflektieren nutzen. Und zwischendurch immer mal wieder an einer Hütte anhalten um die Leute zu besuchen.”

Allein heute sind wir schon 500 Kilometer unterwegs, meist über sandige Seitenstraßen der Transchaco. Während wir Jungspunte der Hitze erliegen und einnicken, zieht Bischof Alfert unbeeindruckt seine Runden. “Sechs Stunden Schlaf heute nacht, dann bin ich wieder fit.” Heute ist sein 72. Geburtstag. In einer Pfarrei angekommen entdecken wir eine verstimmte Guitarre und stimmen ein Ständchen an. In sechs Pfarreien ist das Diözesengebiet aufgeteilt, manche entlegene Dörfer kann Alfert nur alle paar Jahre mal besuchen.

Sein Hauptanliegen gilt dem friedlichen Zusammenleben der im Chaco zusammen gewürfelten Ethnien. Mindesten zehn verschiedene Gruppen leben hier – angefangen von den Paraguayern, also Mischlingen spanischer und indigener Herkunft, über die immer zahlreicheren Brasilianer, die sich hier niederlassen, bis hin zu den indigenen Ethnien, meist Nomadenvölker, die aus Bolivien, Argentinien und Paraguay stammen.

Dazu kommt noch eine große Gruppe von Mennoniten, ursprünglich aus dem deutsch-polnischen Gebiet stammenden und später nach Russland ausgewanderten Gruppen, die vor der stalinistischen Herrschaft in den 20er, 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts nach Paraguay flüchteten. Sie alle versucht Bischof Alfert unter einen Hut zu bekommen, zu einem friedvollen und gemeinschaftlichen Zusammenleben zu bewegen.

Im Dorf Eayinoclim besucht Bischof Lucio Alfert die Nivacle-Indigena-Familie von Leonardo Romero.

Im Dorf Eayinoclim besucht Bischof Lucio Alfert die Nivacle-Indigena-Familie von Leonardo Romero.

Nicht immer einfach ist seine Aufgabe. Zuletzt sperrrten Indigene die Transchaco, sie forderten Landrechte ein. Zwar ist es der Kirche, in der Bischof Alfert für die Belange der Indigenen zuständig ist, in den letzten Jahren gelungen, deren Anliegen auch vor Gericht geltend zu machen. Doch immer noch warten große Gruppen darauf, endlich ein Zuhause zu haben. „Manche Prozesse laufen 10 oder 15 Jahre,” berichtet der Bischof. Man muss einen langen Atem haben, meint er.

Dann gönnt er sich eine Pause, genießt einen Joghurt an einer Tankstelle. Die Bedienung fragt, ob er sie noch kenne. Sie hat in einem der von der Kirche unterhaltenen Internate studiert. „Klar kenn ich Dich,” antwortet Alfert und nennt die junge Frau bei ihrem Spitznamen. In jahrelanger Arbeit ist es Alfert geglückt, ein immer dichteres Netz von Pfarreien, Schulen, Kirchen und Kapellen im Chaco aufzubauen. „Ohne die Hilfe von Adveniat aus Deutschland wäre das unmöglich gewesen,” erzählt er. Als wir nach 13 Stunden Reise an unserem Ziel ankommen, verabschiedet er sich von jedem mit einer herzlichen Umarmung. „Bis demnächst mal.” Dann braust er davon. Morgen früh wird er die ganze Strecke wieder zurückfahren. „Wichtige Termine!“

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher