Paraguay: Zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit

Maria Gonzales, ihr Schwager Ever Salinas Lopez und ihre Schwägerin Sani Lopez vor ihrer Hütte.

Maria Gonzales, ihr Schwager Ever Salinas Lopez und ihre Schwägerin Sani Lopez vor ihrer Hütte.

Bañado Tacumbú – der Name steht für den traurigsten Ort, den wir auf unserer 3-wöchigen Reise durch Argentinien und Paraguay besuchten. Wir sind am südlichen Stadtrand der paraguayischen Hauptstadt Asunción, in einem der zahlreichen Elendsviertel, die die Peripherie der Stadt bilden.

Bruder „Carlos”, eigentlich Charles Fitzsimmons, führt uns über eine staubige Straße zu der Hütte von Maria Gonzales und ihrer Schwägerin Sani Lopez. Maria ist gerade einmal 17 Jahre alt. Doch von Jugend ist bei ihr keine Spur. Zwei kleine Kinder hat sie bereits, ihre Schwägerin Sani hat vor wenigen Monaten ihr erstes Kind bekommen. Beide wirken abgekämpft.

Das Leben der beiden Frauen ist hart, und so war es immer schon. In den beiden Holzhütten leben 10 Personen. Wenn es regnet, steht das Viertel knietief unter Wasser. Die Bañados sind Schwemmgebiete, eigentlich dürfte hier niemand leben. Doch tausende Familien haben in Asunción keine andere Wahl, als ihr Leben hier auszubreiten.

Ein wenig Selbstwert versuche er den Menschen zurück zu geben, so Bruder Carlos, der sich vor 8 Jahren aus Chicago aufmachte, um die Menschen in Asuncións Armenvierteln zu begleiten. In den letzten Jahren hat er mit den Anwohnern ein Zentrum aufgebaut, in dem erste Ansätze von Gemeinschaft gelebt werden.

Bruder "Carlos" im Gespräch mit Ever vor einer der Hütten.

Bruder „Carlos“ im Gespräch mit Ever vor einer der Hütten.

„Als ich hierher kam, gab es keinerlei Gesundheitsversorgung,” erzählt Bruder Carlos. „Dann haben wir geholfen, die Menschen zu einer Gemeinschaft mit Forderungen gegenüber der Verwaltung zu organisieren. Mit Erfolg, heute gibt es bereits zwei Gesundheitsposten hier draußen.” Derzeit organisiert Carlos einen Abfalldienst aus Anwohnern, der das Viertel von den unübersehbaren Müllhaufen befreit.

Maria und ihr Mann arbeiten mit, wofür sie einen kleinen Lohn bekommen. Der reicht gerade eben für die dringendsten Lebensmittel. Immerhin. „Wir hoffen, dass unsere Kinder einmal ein besseres Leben haben werden als wir,” sagt Maria. Sie schaut auf die beiden Kleinkinder und lächelt. Die meisten Zähne hat sie bereits verloren. Die hygienischen Bedingungen sind furchtbar, genug Geld für gesunde Ernährung gibt es nicht. Ihre Straße ist eigentlich eine Kloake, einen Abwasserkanal gibt es nicht.

Über ihre eigene Zukunft macht sich Maria kaum Illusionen. Fragt man sie nach ihren eigenen Plänen, zuckt sie nur mit den Schultern. Es werde wohl ein oder zwei Generationen dauern, bis Familien, wie die von Maria echte Zukunftschancen haben, meint Bruder Carlos. Aber die Menschen geben nicht auf, sie kämpfen für eine bessere Zukunft – für ihre Kinder.

Das Holzkreuz mit den Namen der Getöteten.

Das Holzkreuz mit den Namen der Getöteten.

Ever Daniel Salinas Lopez ist 14 und Sanis Bruder. Auch er lebt in einer der beiden Holzhütten. Er will Tänzer werden, sagt er. Derzeit kann er die Schule nicht besuchen, man habe das Geld für seine Schulbücher nicht aufbringen könne. Aber man spare für das nächste Jahr, dann hole er den Stoff wieder auf. Viel Gewalt und Drogen gibt es in Bañado Tacumbú, sagt Ever. Nachts gehe er nicht raus, zu oft passierten Überfälle.

Bruder Carlos führt uns in eine Hütte, in der er und andere Brüder wohnen. In einem Hinterzimmer hat der 63-jährige ein Holzkreuz an die Wand gehängt. Darauf hat er die Namen all der Jugendlichen vermerkt, die seit seiner Ankunft im Jahre 2006 in Bañado Tacumbú einen gewaltsamen Tod gefunden haben. 14 Namen stehen darauf, Opfer von Drogengewalt und von im Alkoholrausch begangenen Morden.

„Wir müssen hier ein Zeichen setzen gegen die Gewalt, gegen diesen Teufelskreis,” so Bruder Carlos. Er gibt sich kämpferisch, sein Platz sei an der Seite der Menschen von Bañado Tacumbú.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher