Peru: Das Öldrama am Amazonas

Durch unendlich viele Kurven schlängelt sich die Straße von Jaén hinab nach Santa Maria de Nieva. Wir sind mit dem Bischof von Jaén, Gilberto Alfredo Vizcarra Mori unterwegs aus den Anden hinab in den peruanischen Amazonaswald. Vor einer engen Kurve halten wir an. Die Einheimischen nennen sie „Teufelskurve“, weil hier viele Autofahrer zu Tode kamen.

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Mitarbeitern des Erdölkonzerns Petroperu säubern einen Flußlauf in der Region Chiriaco. Fotos: Jürgen Escher

Am Wegesrand stehen dutzende kleiner Holzkreuze, allerdings sind sie nicht den Verkehrstoten gewidmet. Es sind Erinnerungen an das Massaker von Bagua. Im Juni 2009 hatten Indigene die Straße hier gesperrt. Sie forderten ein Ende der Ausbeutung ihrer Region, einen Abzug von Ölfirmen und Goldsuchern. Als die Polizei am 5. Juni mit der Erstürmung der Straßensperren begann, entwickelte sich eine blutige Schlacht zwischen den Indigenen und den Sicherheitskräften. Mindestens 32 Menschen starben, 23 Indigene und neun Polizisten. Zwar waren die protestierenden Indigenen zuerst unbewaffnet, doch es gelang ihnen, einigen Polizisten die Waffen zu entwenden. Heute hat der Ort den Namen „Kurve der Hoffnung“, erklärt uns der Bischof. „Hoffnung, dass so etwas nicht noch einmal passiert.“

Zwei Stunden später stehen wir mitten im Urwald vor der „Estación 6“, einem Öllager der staatlichen Petroperu, das damals ebenfalls von den Indigenen besetzt war. Am 6. Juni, einen Tag nach dem Massaker von Bagua, kam es hier zu gewaltsamen Zusammenstößen. Wie viele Indigene ums Leben kamen, ist ungewiss. Die Polizei soll die Zahlen manipuliert haben, sagen Menschenrechtler.

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Bischof Gilberto Alfredo Vizcarra Mori an der Gedenkstätte für die ermordeten Indigenen (bei der Demonstration vor 6 Jahren) in der Kurve der „Hoffnung“.

Quecksilber zerstört Lebensräume der Indigenen

Seit Jahren wehren sich die Indigenen in dem Gebiet gegen das immer stärkere Vordringen von Unternehmen, die in dem Naturparadies Rohstoffe fördern. Besonders die Goldförderung, bei der Quecksilber in das Flusswasser gelangt, zerstört die Lebensräume der Awajún und Wampis.

Doch auch die über 40 Jahre alte Ölpipeline von Petroperu, die quer durch den Urwald gelegt wurde, macht Sorgen. Aufgrund mangelnder Wartung brach die Pipeline in den letzten Jahren rund ein Dutzend Mal. Ende Januar und Anfang Februar gab es drei weitere Brüche, wobei große Mengen von Öl in die Flüsse der Region flossen. Mit dem Bischof besuchen wir eine der Stellen, an denen Mitarbeiter von Petroperu verseuchtes Erdreich und Pflanzen abtragen. Interviews will man uns nicht geben, derzeit ist die Stimmung zwischen Petroperu und den Bewohnern der Region angespannt.

Unsere nächste Station ist das Städtchen Chiriaco, wo wir das von den Jesuiten geführte Internat besuchen. Dafür müssen wir mit dem Boot übersetzen. Schnell sind unsere Hände schwarz, das Öl ist überall. Über den Fluss fahren Boote der Petroperu, die das Ufer abtragen. In dem Internat ist man besorgt, in wenigen Tagen geht die Schule wieder los, und für die über 400 Schüler ist der Fluss der Ort fürs Baden. Am Nachmittag will der Präsident von Petroperu vorbei kommen, dann soll es um Soforthilfen gehen, um den Schulbetrieb zu garantieren.

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Säuberungsarbeiten am Flußufer von Mitarbeitern des Erdölkonzerns Petroperu in der Region Chiriaco.

Das ölverschmierte Ufer steht unter Wasser

Wir fahren mit einem Boot den Fluss hinunter und besuchen ein Dorf der Awajún. Als wir am Abend zurück kommen, fallen wir todmüde ins Bett. In der Nacht regnet es heftig, und am nächsten Morgen ist der Fluss um zwei Meter angestiegen. Das ölverschmierte Ufer steht unter Wasser. Heute werden die Mitarbeiter von Petroperu es nicht mehr abtragen können.

Tage später hören wir, dass Indigene einige Mitarbeiter der Petroperu als Geiseln genommen haben. Die Spannungen in der Region halten an. Die nächsten Pipelinebrüche kommen bestimmt, alle rechnen damit. Das Gewinnstreben des Unternehmens sei einfach zu groß. Und bedroht damit diese wundervolle Natur und die Indigenen, die in und von ihr leben.