Peru: Eingeschlossene Gesellschaft

„Keine Handys, keine Taschen – nur den Ausweis!“ So lautet die klare Ansage von Pfarrer Norbert Nikolai, bevor er mit uns durch die Tür zu Limas größtem Knast geht. 8.000 Männer sitzen in „San Juan de Lurigancho“ ein: Mörder, Vergewaltiger, Drogenhändler, Diebe, Kleinkriminelle, Unschuldige – zusammengehalten von den Scharfschützen auf den Wachtürmen. Die Männer geben neben ihren Pässen die Fingerabdrücke am Eingang ab, wir Frauen werden peinlich genau gefilzt. Nummer 0010 – die silberne Eintrittsmarke zur anderen Welt liegt kalt in meiner Hand. Als ich in die Sonne trete, richten sich Hunderte Blicke auf mich.

Die Flaniermeile in Limas Gefängnis „San Juan de Lurigancho“

Jahrmarktstimmung: Menschenmengen, laute Musik, Lachen, rot glänzende Augen. Der Rauch von Marihuana steigt mir in die Nase. „Hier kannste alles kaufen“, sagt Norbert Nikolai, „Alkohol, Haschisch, Koks, Pasta Base.“ Im Gefängnis herrscht das Gesetz der Stärkeren – und das sind nicht die Wachleute. „In diesem Knast sind alle korrupt“, sagt der Pfarrer aus dem Ruhrgebiet. Gerade einmal 30 Männern bietet sein Drogenentzugsprogramm Platz. Die Betten in der „Oase“ sind immer belegt.

Die Lektion (Nächsten)Liebe

Beim Mittagessen mache ich gleich den ersten Fehler und frage Fransisco, warum er sitzt? „Bewaffneter Raubüberfall“, sagt der gut aussehende Junge und lächelt die dunkelroten Bohnen auf seinem Teller an. „Wir fragen nie, warum die Männer hier einsitzen“, sagt mir Norbert Nikolai später, „denn wir wollen zuerst den Menschen sehen, nicht seine Tat.“ Wenn ein Vertrauensverhältnis gewachsen sei, „erzählen sie ohnehin, was ihnen auf dem Herzen liegt“. Eine von vielen Lektionen in Sachen Liebe und Freiheit, die ich an diesem Tag im Gefängnis lerne.

Mehr über die Arbeit von Norbert Nikolai unter: www.norbert-nikolai.de.

Text: Carolin Kronenburg
Foto: Norbert Nikolai