Piloto? No hay! – Pilot? Gibt es nicht!

„No hay!“ Diese Aussage verfolgt uns auf Schritt und Tritt beim Besuch Venezuelas. Insbesondere, wenn man sich über die politische, gesellschaftliche und kirchliche Situation in dem lateinamerikanischen Land schlau machen will.

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Pressesprecher Stephan Neumann hoch über den Wolken … Foto: Pilot

Dass Thomas Wieland, Leiter der Projektabteilung bei Adveniat, und ich als Pressesprecher, die zum ersten Mal das seit 1998 sozialistisch regierte Land betreten, da schnell erstaunt sind, geschenkt. Doch auch Reiner Wilhelm, erfahrener und mit allen Wasser gewaschener Venezuela-Referent und mehr noch Venezuela-Experte konnte nicht verhindern, dass ihm die Gesichtszüge entglitten, als er erfuhr, dass für den längst vertraglich vereinbarten Flug ins Amazonasgebiet zwar zwei Flugzeuge, aber nur ein Pilot bereitstehen. Das war auch für ihn zu viel: Auf das Wunder, dass zwei funktionstüchtige Flugzeuge bereitstehen in einem Land, in dem Ersatzteile chronisch fehlen, endete die Suche nach einem Piloten mit einem „Hoy no hay“.

Die Lösung lag – auch wenn das Bild oben anderes vermuten lässt – nicht darin, dass nun der Pressesprecher selbst den Steuerknüppel in die Hand nahm. Vielmehr mussten die beiden venezolanischen Priester José María Gimeno und Emilio Galán einen Ruhetag einlegen. Wir erfuhren erst nach unserer Ankunft in Puerto Ayacucho davon. Zuvor hieß es stets, der andere Pilot kommt gleich, fliegt schon einmal vor. Nun bleibt uns nur zu hoffen, dass die beiden Companeros heute morgen angeflogen kommen, damit wir zum Volk der Yanomami aufbrechen können.

Die Situaton für die Bevölkerung ist dramatisch

Bei allen mitunter auch komischen Blüten, die der Mangel in Venezuela hervorbringt, ist die Situation für die Bevölkerung dramatisch. Viele sind existentiell bedroht. Für die Ärmsten heißt es nicht selten: Essen – no hay, und wenn muss man sich stundenlang in Schlangen einreihen, um an die staatlich subventionierten Grundnahrungsmittel zu kommen; Medikamente – no hay, nicht selten sterben Kinder und geschwächte Menschen an einfach zu behandelnden Krankheiten; Ersatzteile für Autos und sämtliche technische Geräte – no hay, weil der Bolivar in seinem Wert ins bodenlose gefallen, und alles, was importiert werden muss, unerschwinglich geworden ist. Kardinal Jorge Urosa stellte lapidar fest: „Das Auto, das ich vor einigen Jahren gekauft habe, könnte ich mir heute schlicht nicht mehr leisten.“

In dieser angespannte Situation stellt man sich eigentlich nur die Frage, warum die Regierung nicht längst zum Teufel gejagt wurde. Das Versprechen, den Reichtum der Wenigen aus dem Erdölverkauf der armen Mehrheit zugute kommen zu lassen, mit dem einst der 2013 verstorbene Hugo Chavez angetreten ist, haben weder er noch sein Nachfolger eingelöst. Beeindruckend ist die Kreativität und Solidarität der Armen, mit der sie sich trotz des allgegenwärtigen „No hay“, einen letzten Rest Würde und Lebensfreude bewahren.