„Plötzlich Mutter“

Ich hab mich vorhin lange mit Shelda unterhalten. Sie fragte mich, ob ich keine Kinder möchte. Ich sagte: „Doch, klar – hab nur keinen passenden Mann dazu.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht: „Du könntest mich adoptieren. Dann hättest Du ein Kind. Und ich könnte Mama zu Dir sagen!“ Ach Du Schreck, denke ich, „plötzlich Mutter!“

Shelda, 15-jähriges Mädchen im Haus der Schwestern in Léogâne, Haiti

Shelda, ein 15-jähriges Mädchen im Haus der Schwestern in Léogâne, Haiti

Shelda ist 15!  „Ich hätte es lieber, dass Du mich, wenn wir ausgehen, als eine von Deinen Freundinnen bezeichnet würdest.“ Im ersten Moment fand es das total süß, dass Shelda mich als „Mama“ haben will, aber man darf hier nie vergessen: Die Kinder und Menschen sind sehr arm und sehen in Ausländern immer das Tor zu einem besseren Leben. Das ist erschreckend, aber wahr. Kurz darauf sagte Shelda mir dann auch, sie würde gerne mit nach Deutschland kommen, sie könne sich das aber nicht leisten. Diesen Wink mit dem Zaunpfahl hab ich dann ignoriert. Schließlich flüsterte sie mir zu, dass sie mich gerne etwas fragen würde, das dürfe ich aber nicht Schwester Miriam sagen, dann bekäme sie Ärger. Ich habe ihr versprochen, nichts zu verraten (Schwester Miriam liest diesen Blog nicht, sie kann kein Deutsch). Shelda fragte mich nach ein wenig Geld fürs Schulessen. Sie geht aufs Collège in Léogâne. Schwester Miriam hatte ihr das Geld für diese Woche schon im Voraus gegeben (ein Schulessen kostet umgerechnet etwa drei Dollar pro Tag), und Shelda hatte das Geld wohl für etwas Anderes investiert (Make-up? Kleidung?). Nun hatte sie kein Geld mehr für das Essen.
Natürlich habe ich ihr das Geld gegeben. Ich hoffe nur, dass sich das unter den Kindern nicht herumspricht, sonst werden sie mich von nun an immer nach Geld fragen. Einerseits sind drei Dollar für eine Deutsche nicht wirklich viel Geld, aber es ist mehr, als ein Haitianer normalerweise am Tag zur Verfügung hat. Und wenn man mit dem Geldgeben anfängt, kann man kaum mehr damit aufhören. Es mangelt eh an allen Ecken und Enden. Zudem muss man wissen, dass für viele Kinder das Schulessen die einzige Mahlzeit am Tag ist.

Heute ist jedoch schulfrei, da Haiti den nationaler Gedenktag des Erdbebens ist vor fünf Jahren begeht. Dazu habe ich hier einen kleinen Bericht geschrieben.
Gleich läuten die Schwestern zum Abendessen. Das Essen hier in unserer Hausgemeinschaft ist insgesamt sehr gut und sehr gesund: viel Gemüse, viel Reis, viel Bohnen.

Mittagessen im Schwesternhaus in Léogâne, Haiti.

Haitianisches Mittagessen im Schwesternhaus: Reis, Gemüse, Bohnen – sehr gesund!

Das Mittagessen bildet die Hauptmahlzeit, abends isst man dann die Reste vom Mittag, dazu und Cornflakes mit Milch oder Haferschleim. Morgens gibt es immer abwechselnd einen Tag Spaghetti (die isst man hier nur zum Frühstück) und einen Tag Rührei. Dazu Kaffee, Toastbrot und Früchte aller Art. Man kann sich nur immer nur relativ kleine Portionen nehmen, damit alle auch was davon abbekommen. Ich darf immer als erste zum Buffet gehen, noch vor den Schwestern. Das ist mir ein bisschen unangenehm, aber ich bin ja „Gast“. Ich würde lieber als Letzte gehen, da könnte ich besser einschätzen, was noch da ist.
Nun muss ich meinen täglichen Bericht beenden, denn gerade läutet die Glocke: Abendessen!