Priester in der Dominikanischen Republik

Brief vom 08. Januar 2011

Vor 500 Jahren fand in Santo Domingo die erste Messe statt auf der Insel, deren „Entdeckung“ für Europa und für Amerika das Blatt der Geschichte gleich auf den Kopf stellte. Wenn wir die Jahrhunderte des Völkermordens, der Zwangstaufen, aber auch der prophetisch-anklagenden Arbeit und des sozialen Engagements überspringen, landen wir in einer Zeit, in der sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung katholisch nennt. Ihren Glauben feiern sie bei schwungvollen Liedern in meist plastikbestuhlten Kapellen, die oft mit Hilfe von Adveniat errichtet wurden. Die Diözesanpriester haben keine leichte Aufgabe. Gleich wie in Mitteleuropa ist der Drang zu konsumieren oft verlockender als die Einladung, das eigenen Leben im Licht des Glaubens zu reflektieren und soziale Gerechtigkeit auch im eigenen Lebensstil sichtbar werden zu lassen. Gleich wie in Europa ist die Verlockung groß, die pastorale Arbeit auf die Sakramente zu reduzieren. Gleich wie in Europa ist eine integrale Pastoral nur mit Hilfe engagierter Ehrenamtlicher zu schaffen: Die Ärmsten der Gemeinde werden mit Lebensmitteln bedacht; Kranke werden besucht; Apotheken und Arztpraxen werden errichtet, um den Menschen Zugang zu leistbarer medizinischer Versorgung zu ermöglichen; Schulen werden unterhalten, um den Kindern eine gute und günstige Schulbildung anzubieten; Gefangene werden besucht. Viele dieser Arbeiten, die eigentlich Aufgabe des Staates wären, übernimmt die Kirche. Trotz großem Engagements der Laien liegt die Hauptarbeit der Koordination bei den Priestern. Diese werden oftmals nach ihren Studien in sehr große Gemeinden geschickt, deren Bevölkerung materiell sehr arm ist. Die Gehälter der Priester, wie auch die Gelder für den Unterhalt der Gebäude und Einrichtungen, müssen meist ausschließlich aus der sonntäglichen Kollekte bestritten werden, da es in der Dominikanischen Republik keine Kirchensteuer oder Ähnliches gibt. Es wundert daher nicht, dass die Posten in finanziell gut gestellten Gemeinden, beim Militär oder anderen staatlichen Einrichtungen sehr begehrt sind.

Wer Glück hat, arbeitet in einer Diözese, deren Bischof sich um das Wohl seiner Priester kümmert. Der Bischof kann selten finanziell helfen. Aber der regelmäßige, direkte Kontakt, der Besuch des Bischofs in der Pfarrei und das Gespräch sind ein wichtiger Beitrag, den Rücken gestärkt zu bekommen für den sehr herausfordernden Alltag, den die Priester meist allein zu bewältigen haben. Wie überall auf der Welt gibt es engagierte und mehr als angepasste Vertreter einer Berufsgruppe. Hoffnungszeichen einer zukunftsfähigen, basisorientierten Kirche lassen sich jedoch auch in der Dominikanischen Kirche finden. Neben vielen engagierten, kritischen und vom Geist Gottes erfüllten Laien sind das immer auch Priester, die ihren Mann stehen, die sich für die Armen einsetzen. Und ihnen mit ihrem Leben die Frohe Botschaft verkünden. Das tun viele indem sie z.B. vom oft sehr mageren „Gehalt“ von 100,- Euro monatlich denen etwas geben, die an die Tür des Pfarrhauses klopft, weil Medizin gekauft werden muss oder der tägliche Reis nicht für alle Familienmitglieder reicht. Das tun sie, wenn sie sich in die hintersten Winkel begeben, um jenen Menschen nahe zu sein, die sonst von der Welt vergessen sind. Das tun sie, wenn sie den Menschen mit Hilfe von Information und Organisation Mut machen, sich für ihre Rechte einzusetzen und jenen ihren Protest entgegenschleudern, die sich auf Kosten ihrer Gesundheit, ihrer Umwelt und ihres Lebens bereichern wollen.
Die Erfolge sind oft klein, frustrierend fragil. Und doch – die Hoffnung, der Glaube und die Zuneigung der Menschen hält viele Priester lebendig und macht sie in ihrer Arbeit zu Zeugen einer lebendigen Kirche.

Magdalena Holztrattner