Reise durch Chile im Wahljahr 2009

Chile ist eigentlich nur für Insider interessant, wenig spektakulär, mit einer gefestigten Demokratie und einer sozialistischen Regierung. Und so wie es aussieht, wird sich daran auch nichts ändern, auch wenn das Land sich 2009 in einem Wahljahr befindet. Da Frau Bachelet nicht erneut kandidieren darf, stellt sich die Frage nach ihrer Nachfolge. Obwohl die Monate Januar und Februar die Ferienmonate schlechthin sind, werden sie dennoch von dieser Frage überschattet. Gestern kam durch die Medien, dass einer der Kandidaten der Concertación, Insulza, seine Kandidatur zurückgezogen habe. Damit wird immer wahrscheinlicher, dass die kommenden Präsidentschaftswahlen auf zwei Kandidaten hinauslaufen; auf Frei, der der Christsozialen Partei angehört und schon einmal Chile regierte und auf den konservativen Sebastian Piñera, der aus einer der wohlhabendsten Familien des Landes kommt und mit der Fluggesellschaft Lan Chile ein Vermögen gemacht hat. Obwohl die Amtszeit von Frei durch die Asienkrise überschattet wurde, genießt er dennoch eine große Popularität. Dies wird möglicherweise in den kommenden Wahlen den Ausschlag geben, ob die Concertación weiter regieren kann oder nicht. In den beiden letzten Legislaturperioden haben wiederholt Skandale und eine wachsende Korruption das Ansehen des Parteienbündnisses überschattet.

Ähnlich wie in Deutschland scheint auch in Chile die Krise noch nicht angekommen zu sein. In Zeiten, in der der Kupferpreis hoch war, konnte der Staat große Rücklagen bilden, die in Zeiten der Krise nun vorhanden sind. Der Finanzminister wurde wegen seiner restriktiven Handhabung der Mittel sehr kritisiert. Nun wird er dafür gelobt. Chile gehört zu den wenigen Ländern der Erde, die keine Schulden vorzuweisen hat. Daher hofft man, mit einem blauen Auge aus der Finanz- und Wirtschaftskrise davonzukommen. Chile, ein Land, das auf Export angewiesen ist (Wein, Obst, Gemüse, Lachs, Kupfer, …) spürt eine Krise natürlich besonders deutlich. Daher ist man froh, dass man die Überschüsse nun in Beschäftigungsprogramme einsetzen kann. So hat die Regierung Bachelet angekündigt, ein Konjunkturprogramm mit einen Volumen von 4 Mrd. $US aufzulegen, um die Wirtschaft vor einer möglichen Rezession zu bewahren. Dennoch betrug die Inflation im vergangen Jahr etwa um die 10 %, was für Chile sehr hoch ist. Besonders deutlich merkten die Chilenen die Teuerung an der Zapfsäule der Tankstellen und an den Preisen der Grundnahrungsmittel. Im Moment stöhnen die Studenten über die Erhöhung ihrer Studiengebühren um 8 %. Wie sie diese finanzieren wollen, ist für viele nicht einfach. Daher greifen viele auf das Angebot der Banken zurück, die an den Türen der Universitäten ihre Kreditkarten verkaufen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine große Zahl Jugendlicher bereits weit vor eintritt ins Arbeitsleben hoch verschuldet sind. Als Sicherheiten dienen Bürgschaftserklärungen ihrer Eltern und Verwandten oder sogar Hypotheken auf ihr späteres Erbe
Reiner Wilhelm