Rio de Janeiro: Start in die Zukunft

Heute ist Gabrielas letzter Schultag. Die 18-jährige hat gemischte Gefühle, einerseits geht es jetzt endlich mit dem Studium los, andererseits war die Schulzeit auch sehr schön. Ein wenig nervös wirkt sie, als sie mit ihrer Mutter frühstückt. Ihr Freund Miguel ruft schon an, er sei bereits auf dem Weg zu ihrer Abschlussmesse.

Gabriela besucht eine katholische Schule im schicken Stadtteil Botafogo, eine der besten Schulen von Rio de Janeiro. Ihren letzten Schultag, an dem die Abschlussdiplome vergeben werden, leitet eine Messe ein. Ihr Glauben ist für sie fundamental. In ihrer Heimatgemeinde im Stadtteil Catete, im Zentrum von Rio gelegen, ist sie eine von vier Leiterinnen der Jugendarbeit.

Zu ihren Aufgaben gehört es auch, Freiwillige anzuheuern, die beim Weltjugendtag 2013 in der Organization mitarbeiten. Gut 60.000 Freiwillige werden für den WJT gebraucht, um die erwarteten zwei Millionen Pilger während des einwöchigen Events zu betreuen und mit allem zu versorgen, was diese brauchen. Ihr Auftrag sei einfach, meint sie, an Freiwilligen werde es nicht mangeln.

Gabriela und die anderen Jugendlichen ihrer Gemeinde können es kaum noch erwarten, dass der WJT endlich startet. Sie brennen darauf, sich mit Jugendlichen ihres Alters über alle Dinge des Lebens auszutauschen: welche Musik gerade „in“ ist, welche Sportarten, welche TV-Serien… Und zu hören, wie Gebete in anderen Sprachen gehen, welche Kirchenlieder man woanders auf der Welt singt, wie man den Glauben in den eigenen Alltag einfließen lässt.

Für Gabriela ist die Gemeinde ein fester Teil ihres Lebens. Nachdem sie vormittags in der Schule gebüffelt hat, trifft sie sich mit den Freunden aus der Gemeinde. Entweder im Gemeindezentrum bei gemeinsamen Aktivitäten der Kirchenjugend oder aber zur Freizeitgestaltung. Nach der Abschlussmesse trifft sich Gabriela heute zur Feier des Tages mit drei Freundinnen am Strand von Ipanema, der durch das Bossa-Nova-Lied „Girl from Ipanema“ weltberühmt geworden ist.

Wie ihre Zukunft nun aussieht? Vor wenigen Tagen hat sie an den landesweiten Auswahlverfahren für Universitäten teilgenommen. Ihre Noten hat sie noch nicht, aber sie glaubt fest daran, dass sie die Prüfungen gut gemacht hat. Sie will Verwaltungswissenschaften studieren, um später mal in einem Unternehmen oder im öffentlichen Dienst einen guten Bürojob zu bekommen.

Am besten sei es, an einer öffentlichen Uni aufgenommen zu werden, da diese kostenlos sind, sagt sie. Ihre bisherige Schule war sehr teuer, so dass ihre Mutter gut 20% ihres Verdienstes dafür aufbringen musste. Von dieser Last ist die kleine Familie, Gabriela und ihre Mutter, jetzt befreit. Gabriela spricht auch von einer gemeinsamen Zukunft mit ihrem Freund Miguel, den sie in der Gemeinde kennengelernt hat, wo er eine Jugendgruppe leitet.

Heiraten? Ja, auch daran denkt sie. Aber erst einmal stehen andere Dinge an. Das Leben geht jetzt richtig los, ihre Zukunft beginnt Gestalt anzunehmen. „Wir sehen uns spätestens im Juli, auf der Jornada,“ ruft sie uns zum Abschluss noch nach. „Jornada Mundial da Juventude“, so heisst der Weltjugendtag auf Portugiesisch. „Jornada“ hat dabei die Bedeutung von Reise – also eine weltweite Reise der Jugend. „Rio erwartet Euch alle mit offenen Armen!“ sagt Gabriela und zeigt auf die mächtige Cristusstatue oben auf dem Corcovadoberg, die von hier unten so klein erscheint. Ihre ausgebreiteten Arme sehen wir aber trotzdem.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher