Rio de Janeiro: Unerschütterlicher Optimismus in der „Mare“

Favela da Mare – wer auf Rios Internationalem Flughafen ankommt, sieht die weit gestreckten, schlichten Häuserreihen aus Ziegelsteinen sofort, auch wenn man sie hinter Lärmschutzwänden zu verstecken versucht. Zwischen 130.000 und 150.000 Menschen sollen hier nach unterschiedlichen Schätzungen leben, es ist eines der größten Viertel mit dem oft gehörten Namen „Slum“.

Wie viele Menschen in Rio de Janeiro in diesen Vierteln leben, ist nicht genau zu sagen. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 20% und 25% der gut sieben Millionen Einwohner Rios in den als illegal und unterentwickelt gekennzeichneten Vierteln wohnen. Einer von ihnen ist der 27-jährige „Junior“, der uns durch sein Viertel führt.

Als erstes muss er unseren Besuch bei der lokalen Bewohnervereinigung anmelden. Das Viertel steht unter der Kontrolle der Drogenbande „Comando Vermelho“, dem „Roten Kommando“, Rios mächtigster Gangsterbande. Auf manchen Mauern sehen wir ihre Initialen „CV“ aufgemalt. Besucher sind suspekt.

Die Stimmung unter den Drogendealern sei gespannt, hört man immer wieder, seit die Landesregierung von Rio im Jahre 2008 damit begonnen hat, die Banden aus zahlreichen Favelas zu vertreiben und die Viertel danach einer Befriedungstruppe der Polizei zu unterstellen.

Etwa 30 Favelas sind seitdem besetzt worden, die „Mare“ soll die nächste sein. Jeden Tag sei mit der Besetzung zu rechnen, berichten die Zeitungen. Kein Wunder also, dass wir auf Schritt und Tritt beobachtet werden. Doch mit Junior sind wir sicher, ihn kennen alle hier im Viertel. In der Kirchengemeinde „Nossa Senhora Aparecida“ ist er aktiv, spielt Gitarre und manchmal auch Schlagzeug bei den Messen.

Die Kirche sei vor vielen Jahren mit Mitteln von Adveniat erbaut worden, erzählt Junior, und stolz zeigt er uns ein Buch über die brasilianischen Jugendpastoralen, ebenfalls mit dem Adveniat-Logo versehen. Wir sind bei Junior daheim, ein kleines Haus das seine Oma für ihn und seine Schwester gekauft hat. Die 70-jährige kümmert sich seit dem Tod der beiden Eltern um das Geschwisterpaar. „Meine Oma ist alles was von meiner Familie geblieben ist,“ erzählt der junge Mann.

In der Kirchengemeinde hat er eine zweite Familie gefunden, neue Geborgenheit und Zuversicht. Neben seinem Studium der Geschichtswissenschaften verbringt er jede freie Minute mit ehrenamtlicher Arbeit in der Gemeinde. Oder besser gesagt, verbrachte er bisher. Denn derzeit hat er kaum Zeit dafür. Jeden Mittag tritt er eine Busfahrt von über einer Stunde Richtung Zentrum an, um dort im Organisationskomitee des Weltjugendtages ehrenamtlich zu arbeiten.

Hier gehört er zur graphischen Abteilung. Banner, Schilder, Folders – das gesamte Druckmaterial für den Megaevent geht über seinen Bildschirm. Dafür hat er seine Abschlussarbeit des Geschichtsstudiums verschoben, statt Ende 2012 wird er erst Ende 2013 mit dem Studium fertig sein. Seine Oma beklagt sich zwar darüber, dass er seine Nachmittage mit ehrenamtlicher Arbeit verbringt statt zu studieren. Doch für Junior bedeutet das Zusammentreffen der globalen katholischen Jugend eine Chance für seine Zukunft.

„Dank der Kirche durfte ich schon beim Weltjugendtag in Madrid dabei sein, wo ich zum Organisationskommitte der brasilianischen Delegation gehörte,“ erzählt er stolz. „Nie hätte ich mir träumen lassen, eine derartige Reise und Aufgabe durchführen zu dürfen.“ Unvergesslich sei die Gastfreundschaft dort gewesen, und jetzt werde er alles daran setzen, den Gästen aus aller Welt in seiner Stadt einen ebenso herzlichen Empfang zu bereiten.

Obwohl er aus einfachsten Verhältnissen kommt, seine Eltern früh verlor und an der Peripherie von Rio und der brasilianischen Gesellschaft aufgewachsen ist, lässt sich der junge Mann seinen Optimismus nicht nehmen. An den Wochenenden baut er an der Erweiterung des kleinen Hauses, setzt ein zweites Stockwerk oben drauf, „damit ich mir mit meiner Schwester nicht weiter das kleine Zimmerchen teilen muss.“ Seine Zukunft? Er könne sich vorstellen, einmal Priester zu werden, sagt er, aber vielleicht auch eine Familie zu gründen. Noch könne er sich nicht entscheiden.

Sicher sei jedoch, dass er Grundschullehrer werden will, mit Schwerpunkt Geschichte. „Ich gehöre wohl zu den wenigen Bewohnern hier, die gegen die Besetzung des Viertels durch die Polizei ist. Soziale Veränderungen müssen durch das Wort erfolgen, nicht durch eine auf Waffengewalt begründete Okkupation,“ gibt er zu bedenken. Deshalb wolle er Lehrer werden und eventuell auch Priester. Seine Umwelt durch das Wort Gottes und durch die Erziehung der nächsten Generation verändern – das sei sein Traum.

Er steht auf dem halbfertigen Dach seines kleinen Zuhause und schaut über die „Mare“. Das „schicke Rio“ der eleganten Südzone mit den Traumstränden und den Luxusapartments liegt viele Kilometer weit entfernt unter den grünen Hügeln die gerade vom Morgennebel fast verdeckt sind. Unerschütterlicher Optimismus – auch das ist Rio de Janeiro.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher