Santo Domingo: Dicke Luft

Warum sitzt die Lehrerin in der letzen Reihe, an der Tür? Als wir die kleine Grundschule in einem Stadtteil von Santo Domingo besuchen, sind wir geschockt. Die Klassenzimmer sind düster, haben keine Fenster, die Wände sich so dreckig, dass man nicht an ihnen entlang laufen kann, ohne sich schmutzig zu machen. Auf dem Boden liegt Müll. Die Schüler der 3. Klasse sitzen dicht an dicht, viele teilen sich zu zweit ein kleines Holzpult. 31 Kinder auf nicht viel mehr als 20 Quadratmetern. Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm, alle schreien durcheinander, vorne zieht ein Junge einem Mädchen brutal an den Zöpfen bis es weint.

Zum Beginn der Unterrichtsstunde ruft die Lehrerin Zahlen von 1 bis 31 auf. Jedes Kind hat eine Nummer: „Nummer eins“, brüllt die Lehrerin. „Ja“, ruft irgendjemand zurück. „Nummer zwei“ – „Anwesend“. „Nummer drei“ – „Ja“. Nummer vier“. …. Es kommt keine Antwort. Die Lehrerin macht einen Strich in die Anwesenheitsliste. Sie fragt nicht, wer die „Nummer Vier“ ist und warum der Schüler heute fehlt, sondern beginnt mit dem Unterricht. Mathematik. Die Schüler starren, mit dem Rücken zur Lehrerin, an die leere Tafel. Ein Junge in der ersten Reihe hat den Kopf auf die Arme gelegt und schläft.

Als in der Nachbarklasse ein Lied angestimmt wird, stoppt der Unterricht. Die beiden Räume sind nur durch eine halbhohe Wand aus Pappe voneinander getrennt. Ein Sichtschutz, mehr nicht. Die Zustände in dieser Schule ist keine Ausnahme in der Dominikanischen Republik. Kaum mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes gibt der Staat für Bildung aus. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf eine teure Privatschule.

Mit Mühe zwänge ich mich an den Tischen vorbei in die erste Reihe. Ich will Mario interviewen, einen kleinen aufgeweckten Jungen, den ich in der Pause kennen gelernt habe. Er ist die „Nummer 12“ auf der Anwesenheitsliste. Als ich vorne angekommen bin, steht mir schon der Schweiß auf der Stirn. Mario ist ohne Heft zum Unterricht gekommen und ist damit beschäftigt, mit einem Nagel ein Loch in den Tisch zu bohren. Nach fünf Fragen beschließe ich, das Gespräch zu beenden. Ich bekomme hier vorne schlichtweg keine Luft mehr. Zu wenig Sauerstoff.

Jetzt wird mir klar, warum die Lehrerin an der Tür sitzt. Und auch, warum der zehnjährige Mario immer noch nicht lesen und schreiben kann. ENDE

Text: Gaby Herzog. Foto: Achim Pohl