Schulbildung gibt es nur für eine Minderheit

Der Pater und ein Seminarist mit Margit WichelmannMit dem Pick-Up von Pfarrer Jean-François Tristan fahren wir nach Grand Boulage, einer Landpfarrei im Norden der Erzdiözese Porte-Au-Prince. Die 90-minütige Fahrt führt hinauf in die Berge, vorbei an Polizeiposten und einer Einheit der Minustah, der Blauhelmtruppe der Vereinten Nationen, die die Sicherheit und den Frieden in Haiti sichern sollen.
Von der asphaltierten Hauptstraße geht eine Schotterpiste weiter hinein in die karge Berglandschaft. Überall lassen sich die Folgen der jahrzehntelangen Abholzung erkennen: verkarstete Gebirge, kaum Bäume, die Flüsse im Tal zeigen deutliche Spuren davon, wie viel Erde, Schlamm und Geröll aus den Bergen sie mit sich führen. Im September 2008 führte das in Folge mehrerer Wirbelstürme zu starken Zerstörungen vor allem im Westen des Landes.
Ja, auch hier würde man Bäume fällen und zu Holzkohle verarbeiten, sagt Jean Fenelus, ein alter Bauer aus dem Dorf Grand Boulage. Schließlich gebe der Boden, anders als früher, nicht mehr genug Nahrung für mehr als eine kleine Ernte: Ein Teufelskreis; denn es waren die Bauern selbst, die mit der massiveren Abholzung der Bäume der Erosion des Bodens Anschub gaben.
Pfarrer Jean-François Tristan ist seit drei Jahren Pfarrer der neu gegründeten Pfarrei, die weiter wächst: Neben der Pfarrkirche gehören inzwischen fünf weitere Kapellen im weitläufigen Gebiet zur Pfarrei.
Pfarrer Jean-François ist daher viel unterwegs und angewiesen auf seinen Allradwagen, bei dessen Anschaffung er von Adveniat unterstützt wurde.
„Das nächste Krankenhaus ist in Porte-Au-Prince, auch der nächste Arzt ist eine Autostunde entfernt“, sagt der 44-jährige Pfarrer. „Ich bin daher mit dem Auto auch Krankenwagen und Taxi zum Doktor.“ Stolz ist die Gemeinde auf die achtklassige Schule die sie unterhält.
Der Unterricht findet für drei Klassen in der Kirche statt, die übrigen Kinder finden Platz in der eigentlichen Schule. Mehr als 300 Schülerinnen und Schüler kommen täglich zu Fuß in die Schule, manche laufen fast zwei Stunden aus ihren weiter entfernt liegenden Dörfern zu Schule, die daher erst um 8 Uhr beginnt – für Haiti recht spät. „Dies ist die einzige Schule im weiten Umkreis“, sagt Fenelus Franckel, der Direktor der Schule. „Leider ist für einige Kinder der weg zu weit. Und, was viel schwerer wiegt: Die meisten Kinder können nicht am Unterricht teilnehmen, weil ihre Familien die geringen Schulgebühren nicht aufbringen können.“ Nur ein Viertel aller Kinder erhält daher eine Schulbildung. Obwohl die Kirche die Schule unterstützt, obwohl es internationale Hilfe gibt, ist die Pfarrei darauf angewiesen, Schulgebühren zu erheben, um den Lehrer ein (wenn auch niedriges) Gehalt zu zahlen.
Eigentlich ist Rektor Fenelus Franckel auf dem Weg zum Priesteramt.
Seine ersten Studienjahre im Priesterseminar hat er bereits hinter sich, jetzt absolviert er ein „praktisches Jahr“ in einer Pfarrei. So kam er nach Grand Boulage und wurde vom Pfarrer mit der Leitung der Schule beauftragt. Stolz zeigt der Seminarist die gut bestückte Bibliothek der Schule und äußert seine Sorge, dass auch nach seiner Rückkehr ins Seminar die Leitung in sicheren Händen liegen möge: Die Lehrer sind nicht besonders gut bezahlt, und wirkliche Fachleute lassen sich damit nicht unbedingt in eine Landpfarrei locken. Adveniat daher hat in mehreren Diözesen geholfen, Lehrerfortbildungsprogramme durchzuführen, damit es ausreichend Fachpersonal gibt.
Da muss man schon ein Pionier sein, wie es Pfarrer Jean-François offensichtlich ist. Sein „Pfarrhaus“ ist ein Raum hinter der Kirche, der als Lager, Küche, Versammlungsraum, Wohn- und Schlafzimmer für den Priester dient. Heute, am Sonntag, platzt die kleine Kirche wieder aus allen Nähten. Unter den großen Sarment-Bäumen vor dem kleinen Gotteshaus haben Gemeindemitglieder Bänke und Stühle aufgestellt, und auch diese sind voll besetzt, als die Messe in Kreolisch beginnt. Französisch spricht der Pfarrer nur zur Begrüßung der Gäste aus Deutschland, und als Adveniat-Länderreferentin Margit Wichelmann über Adveniat spricht, übersetzt er ihre Französische Ansprache ins Kreolische. Denn ein Großteil der Gemeindeangehörigen spricht nur kreolisch. Die Amtssprache Französisch lernt man auf der Schule, aber … wenn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung zur Schule geht… Pfarrer Jean-François plant den Bau einer neuen Pfarrkirche, größer und der weiten Gemeinde angepasster. „An Festtagen kommen mehr als 500, manchmal 800 Menschen“, sagt er. In die frühere Kapelle, die vor fünfzig Jahren von Spiritaner-Patres gebaut wurde und jetzt als Pfarrkirche dient, passen 120 hinein. Die mehr als hundert, die am heutigen Sonntag draußen Platz gefunden haben, werden bei Regen nass.
Gebaut hat der innovative Pfarrer bereits eine Wasserzisterne, die das halbe Dorf versorgt, er hat einen Pfarrgarten angelegt, hegt hinter der Kirche Ziegen, ein Schwein und ein paar Kaninchen: Das Leben eines Priesters auf Haiti ist finanziell nicht unbedingt abgesichert; da ist es gut, ein paar Reserven zu haben.
Über Grand-Boulage haben sich dunkle Wolken zusammengezogen. Meine Kollegin Margit Wichelmann und ich beschließen, während der Rückfahrt auf der Ladefläche des Pick-Ups zu sitzen und den Journalisten, die zu unserer kleinen Delegation gehören, den trockenen Platz im Wageninneren zu überlassen. Als wir losfahren, fallen die ersten Tropfen. Als wir in den Bergen sind, gießt es aus den Wolken wie aus Kübeln. Und als wir wieder in Porte-Au-Prince ankommen, sitzen wir nass wie die berühmten Pudel auf der Ladefläche, sie sich in eine Pfütze verwandelt hat. Wie schön, dass heute die Dusche im Haus der Haitianischen Caritas, wo unsere Delegation untergebracht ist, warmes Wasser abgeben. Ein wohltuender Luxus, den die Menschen in Grande-Boulange nicht haben.

Christian Frevel